
Das Auge braucht grosse Abstände statt grosser Schrift. (stock.xchng)
Ob ein Text lesefreundlich ist, hängt vor allem vom ausreichenden Abstand der Buchstaben ab, nicht von der Textgrösse. Zu diesem Schluss kommen Wissenschafter der New York University (NYU) in ihrem Artikel «The Uncrowded Window of Object Recognition» (Abstract), der in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift «Nature Neuroscience» veröffentlicht worden ist. Erst wenn der Raum zwischen Buchstaben einen Mindestwert überschritten hat, der als «kritischer Abstand» bezeichnet wird, kann das Gehirn ohne Mühe lesen. Näher zusammengedrängte Buchstaben können hingegen nur schwer entschlüsselt werden. Diese Gesetzmässigkeit, die die Forscher «Bouma Gesetz» nennen, lässt sich überall im Alltag beobachten: Beim Erfassen von Werbeplakaten, auf der Suche nach Artikeln am Flohmarkt oder für das Ordnungsgefühl in den eigenen vier Wänden ist das Auge auf Zwischenräume angewiesen.
Studienautor Denis Pelli, Psychologe an der NYU weist darauf hin, dass im Alltag weniger dem Abstand als der Grösse Bedeutung zugemessen wird: «Die meisten haben die festgefahrene Meinung, die Sichtbarkeit hänge in erster Linie von der Grösse ab.» Nun wurde erforscht, warum das nicht so ist. Damit ein Objekt erkannt wird, wird es vom Auge erfasst und in mehreren Bestandteilen analysiert, etwa nach Linien oder Ecken. Schwierig wird das, wenn der Hintergrund zuviel Ablenkung bietet: Bei grosser Unordnung erhält das Gehirn zu viele Informationen, die alle miteinander kombiniert werden. In Folge fällt das Erkennen schwerer. Pelli nennt als Beispiel Vögel am Himmel. Ein Vogel lässt sich mühelos beobachten, solange er nicht im Schwarm fliegt.
Je weiter Objekte entfernt sind, desto grösser muss ihr Abstand sein, um erkannt zu werden: Wer ein Buch aus grösserer Distanz zu lesen versucht, sieht, dass die Buchstaben zusammenrücken und in der Menge verschwimmen. Wie gross der zum Lesen notwendige Zwischenraum genau ist, hängt auch vom Leser ab: Mit zunehmendem Alter und Übung kann ein Kind immer kleinere Abstände wahrnehmen und erhöht dadurch sein Lesetempo.
Für die Werbung, vor allem für die klassische Aussenwerbung auf Plakaten, bedeutet dies, dass mitunter der Schriftgrad auch mal kleiner ausfallen darf, solange der richtige Zeichenabstand gewählt wird.
Quellen: NYU, pte
» Drucken 06.10.2008. 10:24
Siegfried on 08.10.2008. 17:57
Dem muss ich, zumindest zum Teil, widersprechen. Und zwar aus eigener Erfahrung und in eigener Sache. Ich habe eine beträchtliche Sehschwäche, so dass ich die heute üblichen Schrift-"Größen" praktisch nicht lesen kann. Ich habe mir daher die Standardschriftgröße auf 24px gestellt. Das kann ich lesen. Wenn ich es denn bekomme. Viel zu viele möchtegern-Webdesigner sind wohl der Meinung, besser als ich zu wissen, was ich lesen kann, und provozieren mich mit Schriften von 10px. Diese sind für mich nur unleserliches Geschmier.
Der Abstand, speziell der Zeilenabstand, ist natürlich danach auch noch wichtig. So sind die Texte/links aus deiner Sidebar für mich wertloser Zeichensalat, da bei 24px Schriftgröße die Zeilen übereinander zu liegen kommen. Ein heilloses Durcheinander, das nicht mehr lesbar ist.
Aber der wichtigste Punkt ist zunächst mal tatsächlich die Schriftgröße. Wenn die zu klein ausfällt, ist der Text nutz- und wertlos. Selbst, wenn die Zeilen dann unmittelbar aneinander geklatscht sind (was oft genug vorkommt), ist das immer noch besser als diese Minischriften, die einem sonst so zugemutet werden. Ein Zeilenabstand, der das Lesen angenehm macht, ist wünschenswert und erleichtert das Lesen. Aber erst, wenn für die Schriftgröße Minimalanforderungen erfüllt sind. Wenn natürlich die Minimalanforderungen für den Zeilenabstand nicht erfüllt sind, so wie bei Dir in der Sidebar, ...
Nix für Ungut, ist ja nur die Sidebar :)
gis on 08.10.2008. 19:47
@Siegfried:
Ich bin mir dem Problem bewusst, dass meine Seite nur beschränkt barrierefrei ist. Bislang konnte ich das noch nicht ändern. Aber es ist etwas, das ich irgendwann einmal angehen möchte.
Was die Sidebar betrifft: Wenn man das Wortgefecht nicht mit einer vergrösserten Standardschrift ansurft, sondern die Zoom-Funktion des Browsers (im Firefox unter Asicht > Zoom > Vergrössern bzw. mit [Strg] + [+][+]) verwendet, wird auch die Sidebar und damit das Menu im korrekten Verhältnis vergrössert. Mir ist natürlich klar, dass dies keine definitive Lösung ist/sein kann. Aber immerhin lässt sich damit auch das Menu benutzen - wenn auch mit Grenzen. Irgendwann ist logischerweise die Bildschirmauflösung auch am Ende.
Siegfried on 08.10.2008. 22:39
Klar ist irgendwann die Bildschirmauflösung am Ende. Was meinst Du wohl, was ich logischerweise gemacht habe? Ich habe mir einen gelativ großen 22 Zoll Monitor gekauft. Eben damit ich bei der Schriftgröße mehr als nur ein paar Buchstaben pro Zeile zu sehen bekomme. Du kannst davon ausgehen, das so gut wie Jeder, der eine wie auch immer geartete Behinderung hat, auch technische Möglichkeiten hat, um mit dieser Behinderung so gut es eben geht, umgehen zu können.
Ich will Dir keinen Vorwurf machen. Und dass Du daran denkst, Deine Seite irgendwann mal barriereärmer zu machen, finde ich gut. Ich finde nur das Ergebnis dieser Studie derart, dass ich das nicht unwidersprochen lassen kann. Und auch die Schlussfolgerung, dass dann in Werbeplakaten durchaus auch mal kleinere Schriften gut wären, stimmt so einfach nicht. Na gut, Werbeplakate interessieren mich herzlich wenig. Aber Webseiten interessieren mich. Und auf Webseiten sollte ich als Nutzer die Möglichkeit haben, selber festzulegen, ab welcher Schriftgröße ich das lesen kann und/oder will. Die Möglichkeiten dazu sind vorhanden. Leider werden diese Möglichkeiten von Webdesignern mutwillig vereitelt. Und es werden winzigkleine Schriften online gestellt, die man erst seit Neuestem im Browser nachträglich vergrößern kann und muss. Und dann kommt Jemand und meint, aufgrund einer obskuren Studie könne man die Schriften problemlos noch kleiner machen, wenn man nur die Abstände groß genug lässt. Da rollen sich mir die Fußnägel auf.
Es ist seit Langem bekannt, dass Webdesign und Printdesign zwei sehr verschiedene Disziplinen sind. Aber wird aus diesem Wissen irgendeine Konsequenz abgeleitet? Nicht die Bohne. Für Webdesigner ist z.B. die Typographie wichtig. Ganz wie im Printdesign. dabei ist im Webdesign noch nicht mal garantiert, dass der Nutzer die vom Webdesigner gewünschte Schrift auch tatsächlich hat. Aber die Webdesigner haben halt Typographie gelernt, und glauben, das so gelernte unbedingt auch im Webdesign anwenden zu müssen. Und was glaubst Du, was ich da oft genug zu lesen kriege, wie das mit den nicht installierten Schriftarten am "besten" gelöst werden sollte? Mit Bildern. Also Text in Bilder umwandeln und als Bild in die Webseite einbauen.
Sorry, wenn ich da so schimpfe. Es betrifft Deine Webseite nur marginal. Aber bei der Denkweise dieser "Webdesigner" kriege ich Wutanfälle. Es tut gut, zu wissen, dass Dir das Problem bewusst ist, und dass Du daran arbeiten willst. Und dass Du im Inhalt meine Wahl die Schriftgröße betreffend honorierst, finde ich gut. Den Inhalt kann ich problemlos lesen (auch, wenn die Zeilen reichlich dicht aufeinander sind). Und ich lese Dein Blog ja wegen des Inhalts und nicht wegen der Sidebar.
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