
Das Panel zum Thema am «Open Forum» (gis)
Auch dieses Jahr fand anlässlich des World Economic Forums das sechste «Open Forum» vom 24. bis 26. Januar statt. Organisiert wird diese öffentliche Veranstaltung vom Forum gemeinsam mit dem Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (sek-feps). das «Open Forum» soll dabei den den offenen und kritischen Dialog ermöglichen. Das letzte Panel der Veranstaltung widmete sich dem Thema «virtuelle Welten» und deren Einfluss auf unsere Gesellschaft. Hier ein kurzer Rückblick mit Webcast.
Teilnehmer des Panels waren Rafael Capurro, Professor für Informationswissenschaft und Informationsethik, Hochschule der Medien Stuttgart, Philip Rosedale, CEO von Linden Labs, Joseph Weizenbaum, em. Professor für Informatik, MIT, Reid Hoffman, Präsident und Vorsitzender, LinkedIn und Dr. Florence Develey, Pfarrerin aus Reinach/Basel. Moderiert wurde die Diskussion von Loïc Le Meur, CEO von Seesmic.
Die Frage, ob virtuelle Welten nützlich oder schädlich für die Erfahrung der Lebenswirklichkeit seien, erregte die Gemüter heftig. «Die virtuelle Welt soll die wirkliche nicht ersetzen, sondern erweitern», meinte Philip Rosedale. «Es gebe die Chance, mit Second Life eine neue Gesellschaft zu schaffen.» Florence Develey fragte: «Warum sollte man nicht mit Second Life seine Fantasien ausleben? Eine neue Religion werde auf diese Weise noch nicht geschaffen.» Wichtig sei es jedoch, diese beiden Welten zu trennen.
Als Humbug bezeichnete Joseph Weizenbaum, der prononciert gesellschafts- und sprachkritische Informatikprofessor, die Behauptung, die virtuelle Wirklichkeit von Second Life oder Social Networks wie LinkedIn würde Menschen zusammenbringen. Er warnte vor einer Sprachentwertung und -verluderung im Umgang mit Begriffen wie «Kommunikation» und «Identität». «Identität» sei mit einer individuellen und persönlichen Geschichte verknüpft, sie bedinge Vergangenheit und Kindheit. Die künstlich geschaffenen Identitäten hätten beides nicht, warnte Weizenbaum. Es gelte, wieder kritisch denken, lesen und genau hinhören zu lernen, und nicht mit ungenauen und unreflektierten Worthülsen leere Versprechungen zu machen. Virtuelle Lebensgestaltung entbinde den Menschen von seiner Verantwortung für das, was er tue.
Leider wurde die ganze Diskussion etwas am eigentlichen Thema vorbei geführt. Während Unternehmer wie Rosedale und Hoffman die Vorzüge von Social Software in den Vordergrund stellten, ging es Weizenbaum vor allem darum, deren Aussagen als «leere Versprechungen» zu entlarven. Weizenbaum wurde damit sicherlich seinem Ruf gerecht. Ich hatte jedoch den Eindruck, dass die anderen Teilnehmer des Panels - Capurro vielleicht ausgenommen - seinen Einwänden nicht ganz zu folgen vermochten.
Trotzdem waren es spannende 90 Minuten, die zu verfolgen sich lohnte. In der anschliessenden Diskussion mit dem Publikum in der Aula der «Alpinen Mittelschule» kam für mich vor allem eines deutlich zum Ausdruck: Es besteht tatsächlich ein Graben zwischen den Nutzern von Social Software und jenen, die alles nur vom Hörensagen kennen.
Dieser Graben war auch Inhalt des Interviews mit Loïc Le Meur, welches ich vor dem Panel dank der Vermittlung durch die Medienstelle des World Economic Forums führen konnte. Eine Übersetzung des Interviews erscheint demnächst in einem weiteren Beitrag zum «Open Forum». Zudem werden wir Teile des Interviews auch für die Pilotfolge unseres Podcasts verwenden. Zusammen mit meiner Partnerin werden wir darin meine These der «enthemmten Oralität» des Web 2.0 diskutieren (vgl. dazu auch «Stammeskultur im Web 2.0»). Stay tuned!
» Drucken 07.02.2008. 13:53
LD on 08.02.2008. 00:02
Herzlichen Dank für den Bericht! Ich hatte leider keine Zeit, daran teilzunehmen. Das (lange) Video werde ich mir mal reinziehen, wenn ich etwas mehr Zeit habe.
Gruss,
LD
gis on 08.02.2008. 11:59
Danke zurück für den link ;)
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