Gregor Franck: Mentaler Kapitalismus
Der Werbung und den Medien können wir nicht mehr entkommen. Aber was bedeutet das für uns? Der öffentliche Raum verwandelt sich zunehmend in eine gigantische Werbefläche für Produkte und Ideen aller Art. Die ästhetischen und politischen Konsequenzen sind überhaupt noch nicht abzusehen. Georg Franck beschreibt zum ersten Mal die Welt unter der Herrschaft eines mentalen Kapitalismus.
«Der Kampf um die Aufmerksamkeit spielt mittlerweile eine grössere Rolle als der Kampf um das Geld.» Ein solcher Satz provoziert. Jene, die immer noch ums Geld kämpfen müssen und jene, die gar nichts anderes wollen. Wer jedoch im Geschäft mit der Aufmerksamkeit tätig ist, findet den Satz nicht weiter erstaunlich. Werber, Journalisten, Kommunikationsfachleute, Künstler wissen genau, was er meint. Was im Verborgenen blüht, hat keine kulturelle Bedeutung. Eine ökonomische schon gar nicht.
Georg Franck versucht, eine (politische) Ökonomie des Geistes zu entwerfen. Die Währung dieses Systems ist die Aufmerksamkeit. Jene, die man gibt («Acht geben»), und jene, die man nimmt («beachtet werden»). Empfangene Aufmerksamkeit kann sich natürlich auch in Geldwert ausdrücken. Entscheidend aber ist die primäre Währung, die Aufmerksamkeit. Dafür, so Franck, hat sich ein Austausch-Kreislauf herausgebildet, der nicht minder global ist als jener des Geldes:
«Die These dieses Buchs ist, daß tatsächlich etwas Grundlegendes in Bewegung geraten ist. In das Verhältnis von Wertlegen und Achtgeben ist eine neue Dynamik eingekehrt. […]. Das Wechselspiel von Achtgeben und Wertlegen hat zu einem Gesellschaftsspiel zusammengefunden. Zu einem Spiel, in dem Acht eingesetzt wird, um Beachtung einzunehmen. Das Achten, worauf andere achten, ist in einen Kreislauf des Gebens und Nehmens übergegangen. Mehr noch: Der Kreislauf hat sich zu einem System hoch differenzierter und hoch integrierter Märkte entwickelt. Das Achten der Individuen aufeinander verkettet sich zu einem kollektiven Resultat. Die Summe der getauschten Beachtung tritt als Sozialprodukt in Erscheinung. […] Die These ist, daß dieses System der Bewertung die objektivierende Funktion übernommen hat, die so lange in Gründen jenseits des subjektiven Wertens und Achtens gesucht wurde.
Diese These ist stark. Sie läuft auf die Hypothese hinaus, daß der Epochenbruch den Durchbruch einer immateriellen Ökonomie markiert. Die These besagt, daß die Ökonomie der Aufmerksamkeit ein Maß an Rückkopplung und Selbstregulierung angenommen hat, welches externe Stabilisatoren überflüssig, wenn nicht dysfunktional macht. Aus dem Kreislauf des Acht Gebens, um Beachtung einzunehmen, ist ein System horizontal und vertikal differenzierter Märkte hervorgegangen. Diese Entwicklung […] hat sich selbst organisiert. Auch die ökonomische Form, die wir nun von der Warte des entwickelten Systems aus erkennen, war nicht vorgegeben. Sie hat sich herausgebildet in einem Prozeß der Selbstorganisation, der blind ist und sich hinter dem Rücken der Beteiligten vollzieht. […] Horizontale Differenzierung heißt, daß sachlich differenzierte Märkte nebeneinander entstehen. Differenzierung in der Vertikalen meint, daß Märkte entstehen, deren Funktion es ist, das Geschehen auf den anderen Märkten zu koordinieren. Die Stufe zur Differenzierung in diese beiden Richtungen ist erreicht, wenn kapitalistische Verhältnisse Einzug halten. Die These, daß ein dynamisches Regime des Tauschwerts die Regie über die kulturelle Wertschöpfung übernommen hat, meint, daß die Ökonomie der Aufmerksamkeit in die Statur eines kapitalistischen Systems hineingewachsen ist.»
Der Verteilungswettkampf, der ja auch in der Geldökonomie noch nicht vom Spielplan abgesetzt ist, kann also in der Geistesökonomie von vorn beginnen.
Gregor Franck: Mentaler Kapitalismus. Eine politische Ökonomie des Geistes, München (Hanser) 2006, 285 Seiten.
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Drucken | 21.02.2007 21:28
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