Wittwenschüttler Finsterwald
Die heutige «Weltwoche»-Kolumne ist, in ihrer Art, eine Hommage an den klassischen Boulevard. Zimmermann stellt uns zunächst in der Person von Fritz Finsterwald - Polizeireporter der ersten Stunde des «Blicks» - das Phänomen des «Witwenschüttlers» vor:
«Der Witwenschüttler ist ein Rückgrat des Boulevards. Seine Aufgabe besteht darin, die trauernde Gattin von Mordopfern, Unfalltoten oder Selbstmördern aufzusuchen. Der Witwenschüttler verwickelt die trauernde Gattin in ein einfühlsames Gespräch. Das Gespräch dauert so lange, bis die Witwe eine Fotografie des Toten herausgerückt hat. Dann macht sich der Schüttler aus dem Staub.»
Finsterwald gelang sein Meisterstück in den 1960er-Jahren. Damals überredete er einen Mörder, sich der Polizei zu stellen.
Bei spektakulären Kriminalfällen liefern sich Boulevardmedien in der Regel ein Duell mit den Ermittlungsbehörden: Wer liefert schneller erste Ermittlungsergebnisse, wer recherchiert besser? Die Medien befragen dieselben Zeugen wie die Polizei, und nehmen dieselben Lokaltermine wahr. So ist es auch im aktuellen Fall der entführten Ylenia, der derzeit die ganze Schweiz in Atem hält. Zimmermann attestiert dem «Blick» hier einen «schönen, klassischen Boulevardjournalismus»:
«Was der Blick nun rund um die entführte und vermutlich ermordete Ylenia («ein blonder Engel mit blauen Augen») aufgeführt hat, war Boulevard vom Feinsten. Nichts fehlte, was eine schöne Täter-Opfer-Story ausmacht.
Es fehlte nicht die intensive Beobachtung vor Ort («Auch Polizeihündin Joya gibt alles, um Ylenia zu finden»). Es fehlten nicht die pikanten Details über den mutmasslichen Mörder Urs Hans Von Aesch («Von Aesch sammelte tote Tiere in Einmachgläsern»). Es fehlte nicht an wilden Spekulationen («Welche Geheimnisse verbirgt das Haus des Schreckens noch?»). Und es fehlte auch nicht an hautnahen Zeitzeugen («Kellnerin Sonja: Er trank Pfefferminztee»).»
Zimmermann endet seine Kolumne mit der Feststellung, «Blick»-Journalisten beherrschten immer noch das Handwerk, würden es aber viel zu wenig anwenden. Bekanntlich schlingert das Ringier-Flagschiff «Blick» seit geraumer Zeit.
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Drucken | 16.08.2007 16:38
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