Lesen, nicht zahlen - und der Blick

Diese Woche führt uns Kurt W. Zimmermann in seiner «Weltwoche»-Kolumne eines klar vor Augen - und damit kommen wir auch gleich zu seinem Fazit: «Die bezahlte Information auf Papier ist ein Auslaufmodell.» Nicht aber die kostenlos verteilte Information auf Papier. Denn nicht nur die Gratiszeitungen sind im Aufwärtstrend, sondern auch die Gratiszeitschriften.

«Der Fall ist klar. Der triumphale Erfolg des Gratistitels 20 Minuten erklärt alle anderen Marktbewegungen. Nur noch regional stark verankerte Zeitungen können dem Gratisdruck widerstehen, teils auch darum, weil sie wie die Berner Zeitung kleinere Regionaltitel zukaufen konnten. [...] Die seit 2000 erfolgreichsten Zeitschriften kommen aus einer ganz anderen Ecke. Die fünf stärksten Publikationen in diesem Segment heissen Das Magazin, Migros-Magazin, Coopzeitung, NZZ Folio und TV täglich. Sie weisen allesamt höhere Steigerungsraten auf als jede andere Zeitschrift. Sie sind allesamt gratis.»

Was die beständig jammernden Verlegern an Lesern bei ihren kostenpflichtigen Titeln verloren haben, erreichen sie mit den kostenlosen Titeln trotzdem. Den Werbetreibenden kommt dies natürlich gelegen:

«Zusammen [20 Minuten und die oben genannten Gratiszeitschriften; Anm. d. Verf.] macht das über 2,3 Millionen neue Gratisleser im Deutschschweizer Markt. Das freut den Werbemarkt, denn ihm ist völlig egal, ob sein Zielpublikum die Abo-Rechnung eines Verlagshauses bezahlt oder nicht.»

Kulturpessimismus und Selbstmitleid beiseite, der Laden brummt wieder - bei denen jedenfalls, die sich anpassen. Der Trend hin zu kostenloser Information auf Papier bringt nicht nur Gratiszeitungen und -zeitschriften hervor, sondern schafft auch neue Formate:

«Der Gratisboom hat inzwischen zu einem neuen Zeitungstyp geführt, den sogenannten Hybriden. Sie sind halb abonnierte Zeitungen und halb Gratistitel. Sinkende Abo-Auflagen kompensieren die hybriden Zeitungen mit einer Gratisverteilung. So können sie dem Werbemarkt die anvisierte Leserzahl und Zielgruppe weiterhin garantieren. [...] Vorläufer des neuen Trends sind die Manchester Evening News. Neben den 94000 abonnierten Zeitungen verteilt man inzwischen 80000 Gratisexemplare. Die Abonnentenzahl ging um rund 30 Prozent zurück, die Leserzahl zur Freude des Werbemarktes rund 40 Prozent nach oben.»

Machen wir die Milchbüechli-Rechnung: kostenlos + Abo = Netto mehr Leser. Willkommen in der schönen neuen Medienwelt.

Weiteres von Interesse

Zimmermann hat sich in der aktuellen Ausgabe der «Weltwoche» in einem, wie ich meine, brillianten Artikel über Michael Ringier, den «Blick» und dessen Konzept eines «gehobenem Boulevards» ausgelassen. Kernaussage: Boulevard und Political Correctness vertragen sich nicht.

Der Artikel «Abenteuerliches Unterfangen» ist frei zugänglich und auch als mp3 hör- und herunterladbar: Text | Audio

Nur im Abo online verfügbar ist der Beitrag von Peter Uebersax, «Emotion und Provokation». Darin analysiert der ehemalige Chefredaktor des «Blicks» von 1980 bis 1986 «die Fehler seiner Nachfolger».

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| Artikel drucken Drucken | 29.03.2007 08:23

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