Die Kannibalen unter uns

Thema der aktuellen «Weltwoche»-Kolumne von Kurt W. Zimmermann ist die Kannibalisierung in der Schweizer Verlagslandschaft:

«Kannibalisierung. Der Angriff auf die eigenen Familienmitglieder ist einer der schwierigsten strategischen Entscheide in der Medienbranche. Es ist ein schwieriger Entscheid, weil sich hier fast immer das klassische Chancen-Risiken-Muster zeigt. Ein kurzfristiger, gesicherter Profit steht einer langfristigen, aber ungesicherten Wettbewerbschance gegenüber.»

Bis vor ungefähr zehn Jahren waren die Verleger sehr vorsichtig, eigene Titel nicht zu kannibalisieren. Aber heute ist das anders. Tamedia mit «20 Minuten» gegen das hauseigene Flagschiff «Tages-Anzeiger», Ringier mit «heute» vs. «Blick» und Edipresse mit «Le Matin Bleu» vs. «Le Matin».

«Interessant wird der Verzehr von Blutsverwandten am Sonntag werden. Die NZZ-Töchter Neue Luzerner Zeitung und St. Galler Tagblatt sind derzeit im Projektstadium, um eine eigene Sonntagsausgabe aufzulegen, so wie dies schon Südostschweiz und Mittelland-Zeitung vorgemacht hatten. Es ist ihnen wurst, ob die mütterliche NZZ am Sonntag dabei Schaden nehmen wird.»

Zimmermann liefert uns einen glaubwürdigen Grund für diesen Verlust des Respekts vor der Menschenfresserei - einmal mehr das Internet:

«Eine wichtige Einsicht gewann die Branche im Internet. Aus übertriebener Angst vor internem Kannibalismus investierten die Schweizer Verlage in den neunziger Jahren nur wenig in die elektronischen Stellen-, Immobilien- und Automärkte, und wenn sie anfangs investierten, fuhren sie die Budgets oft schnell wieder herunter. Sie wollten keine Marktanteilsverluste in ihrem einträglichen Geschäft der Kleinanzeigen riskieren. Als Folge sind die Verlage heute in den Internet-Rubrikenmärkten kein Faktor mehr. In Skandinavien, wo keine Kannibalismus-Phobie herrschte, sind entsprechende Verleger-Sites wie finn.no hingegen ein Bombengeschäft geworden.»

Tja, und die Kannibalen werden weiter zuschlagen, und zwar bei der Sonntagspresse. Ein Blick zu unserem nördlichen Nachbarn zeigt den nächsten Schritt: Gratis-Sonntagszeitungen. «Der Sonntag» in Freiburg i. Br., «Prima Sonntag» in Nürnberg, «Boulevard Baden» in Karlsruhe. Eine «Gratis-Sonntagszeitung in der Schweiz wird ein Geschäft.» Mein Altpapier-Stapel bedankt sich jetzt schon.

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| Artikel drucken Drucken | 07.06.2007 09:30

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