Ärgernis oder Notwendigkeit?

Wie es der Zufall so will habe ich kurz nach dem Verfassen meines Postings über die These von Prof. Schönhagen, dass PR als eine Reaktion auf das Versagen der Presse enstanden sei, einen aktuellen Bezug gefunden, der die Idee untermauert: In der Schweiz kommt am 1. Juni eine Volksinitiative mit dem Titel «Volkssouveränität statt Behördenpropaganda» zur Abstimmung. Die Initiative nimmt die Informationstätigkeit der Behörden ins Visier, die sie als unzulässigen Eingriff in die politische Meinungsbildung betrachtet. Diese Kritik ist in der Schweiz nicht neu und gipfelte nun in eben jener Initiative. In der gestrigen «Neuen Zürcher Zeitung» äusserte sich rom. in einem Kommentar zur Initiative.

Im Kommentar lamentiert Journalistin rom. selber über die zunehmende PR-Tätigkeit der Behörden, die sich immer weiter ausbreite. Noch vor fünzig Jahren fand sich kein «Informationsbeamter» in Bern, während man es heute mit einer wahren «Informations-Armada» zu tun hätte: Über 600 Fachmitarbeiter (im rom.'schen Journalistenjargon «sogenannte Kommunikationsprofis») beschäftigt die Bundesverwaltung mittlerweile. Diese betreiben angeblich primär «Informationsverhinderung» durch die Inszenierung von allerlei Nicht-Ereignissen, wie zum Beispiel der Publikation irgendwelcher Broschüren, die «von den Journalisten meist ungelesen entsorgt» würden. Doch es kommt noch schlimmer: «Die Informationsbeauftragten sehen sich weniger als Diener der Medien denn als Diener ihres Herrn.» Hand auf's Herz, Frau Rosenberg, ist nicht genau dies die Aufgabe einer Kommunikationsabteilung?

Politisches Desinteresse der Medien

Substantielleres hingegen schrieb Oswald Sigg, Vizekanzler der Bundeskanzlei und Bundesratssprecher, zum gleichen Thema ebenfalls in der NZZ (14. Februar). Sigg bedauert in seinem Beitrag auch die zunehmende Informationstätigkeit der Verwaltung: «Der Bund und seine Verwaltung dominieren tendenziell die öffentliche Diskussion. Eigentlich ein staatspolitischer Sündenfall.» Er kommt aber zu einem ganz anderen Schluss, der die These von Schönhagen stützt. Sigg beklagte nämlich das politische Desinteresse der Medien, die die Informationen aus der Verwaltung gar nicht mehr kritisch hinterfragen und so die Informations-Übermacht der Behörden erst ermöglichen. Touché.

Siggs Beitrag «Behördenkommunikation und politischer Journalismus» ist bei der NZZ nur noch gegen Bezahlung online (manche lernen es eben nie), kann aber hier (PDF) auf der Seite des Initiativkomitees heruntergeladen werden.

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