Lessings Rückzugsgefecht

Nobelpreisträgerin Lessing (TechCrunch)
Da dachte ich schon, nichts könnte mir den Montag Morgen verderben. Aber weit gefehlt. Ganz weit oben in meinem Feedreader fand ich doch diesen Artikel aus dem «Guardian»: Doris Lessings gestrige Rede anlässlich der Nobelpreisverleihung. Da ist also eine 88-jährige Schriftstellerin, die ohne Zweifel literarisch Grosses geleistet hat und sich gleichzeitig wohl gefällt in der Pose der kulturpessimistischen Warnerin mit dem Zeigefinger. Zu alt, um die Rede selber zu halten, zog sie her über das Internet. Für Lessing leben wir in einer Zeit, in der das Internet eine ganze Generation verführt hat und in der eine fragmentierte Kultur vorherrscht, in der niemand mehr liest.
Wer sich mit IT und ähnlichem beschäftigt, ist offenbar vollkommen kulturlos:
«We are in a fragmenting culture, where our certainties of even a few decades ago are questioned and where it is common for young men and women, who have had years of education, to know nothing of the world, to have read nothing, knowing only some speciality or other, for instance, computers.»
Jetzt mal abgesehen davon, dass eine Feministin wie Lessing eigentlich froh darüber sein sollte, dass heute überkommene «Wahrheiten» hinterfragt werden, stellen wir die Rede etwas in ihren Kontext: Da bahnte sich die Furcht einer ignoranten alten Dame den Weg an die Oberfläche, die wie viele andere Mitglieder einer kulturellen Elite langsam aber sicher ihre Privilegien schwinden sieht. Die Liste der Vertreter dieser Elite - selbsternannt oder, schlimmer noch, allein durch ihre Herkunft gewissermassen hineingeboren - ist lang. Die Klage über den angeblichen Kulturverlust der Gegenwart und die Jugend ist immer en vogue: Andrew Keen, Bernd Graff und jetzt eben auch Frau Lessing.
Hätte es mir nicht den Wochenstart verdorben, ich hätte mich wohl gar nicht dazu geäussert. Lesen, lachen, abhaken. Rückzugsgefechte sind meist der Anfang vom Ende. Und allen kulturlosen, dummen Lesern, die jetzt keine Ahnung haben, worum es hier überhaupt geht, empfehle ich einen Blick in die Wikipedia. Dort findet sich umfangreiches Wissen, kostenlos und überall auf der Welt (sofern Väterchen Staat nicht meint, seine «mündigen Bürger» vor zuviel Wissen schützen zu müssen) zugänglich. Doch halt, die zählt ja nicht - sie ist schliesslich nicht von vom Staat durchgefütterten Eliten auf Papier gebannt worden.
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