Wissenschaft und Boulevard

DiceFast hätte man meinen können, es sei erst der 1. April: Anfang der Woche kursierte in diversen englischen und deutschen Online-Medien eine Studie der Ohio State University (OSU), die festgestellt haben soll, dass Facebook dem Schulerfolg schade. So schrieb der angeblich seriöse «Tages-Anzeiger», der in Tat und Wahrheit immer mehr in die Tiefen des Boulevards absteigt, u.a. folgendes: «Eine Studie bestätigt die schlimmsten Befürchtungen von Eltern und Lehrern: Studenten, die Facebook häufig nutzen, haben schlechtere Noten.» Alles Unsinn, wie man u.a. hier nachlesen kann. In der Original-Medienmitteilung steht nämlich, die Resultate der Studie würden nicht notwendigerweise bedeuten, dass die Nutzung von Facebook zu tieferen Noten führe («[...] that the results don’t necessarily mean that Facebook use leads to lower grades.»). Doch damit nicht genug! Offenbar sind Twitter und Co. auch noch schädlich für die Moral der Benutzer.

Soziale Netzwerke wie Twitter oder Facebook, die auf einem ständigen Kommunikationsfluss basieren, können die moralischen Einstellungen ihrer Nutzer abstumpfen. Das behaupten Forscher der University of South California (USC), die in den Plattformen eine Überforderung für das menschliche Gehirn orten. Besonders junge Menschen seien aufgrund eines überdurchschnittlich hohen Ausmasses an Kommunikation gefährdet und drohen bei ständiger Nutzung auf Dauer Schaden zu nehmen. Das ständige Erhalten neuer Nachrichten und die mögliche Vielzahl an sozialen Kontakten würden zu einer «Überkommunikation» führen. Der «moralische Kompass» im Gehirn sei von den Online-Angeboten überfordert.

Moralische Gleichgültigkeit?

Den Forschern zufolge besteht die grösste Gefahr darin, dass starke Nutzer von Portalen wie Twitter oder Facebook «gegenüber menschlichem Leid gleichgültig» werden könnten. Durch die Dauerkommunikation fänden sie kaum Zeit, Emotionen zu zeigen und die Gefühle anderer Menschen zu reflektieren. Neue Ereignisse würden angesichts ihrer Fülle nicht wirklich erlebt und verarbeitet. Anders als für die Wahrnehmung körperlicher Schmerzen bei Mitmenschen benötige das Gehirn für soziales Empfinden bedeutend mehr Zeit als der rapide Datenfluss im Internet zulässt. Besonders das noch nicht in vollem Umfang ausgebildete Gehirn von Jugendlichen, die die Hauptzielgruppe von Social Networks bilden, sei daher für ein Abstumpfen moralischer Werte anfällig.

Aw, come on! Um moralisch abzustumpfen muss man nur täglich die Nachrichten im Fernsehen schauen - was einem da an menschlichem Leid präsentiert wird, pass auf keine Kuhhaut. Aber immerhin, die Studie anerkennt: Allerdings seien es nicht nur Online-Portale, die eine Störung von moralischem Empfinden bei den Usern verursachen sollen. Die Bestimmung von Gewalt und Leid über die alltägliche Medienkultur sorge für eine wachsende Gleichgültigkeit gegenüber menschlichem Leiden. Adorno reloaded und damit ein klarer Fall für den Rundordner!

+++ NACHTRAG vom 05.05.09

Der Journalist und Kommentator in der BBC-Sendung «Digital Planet» Bill Thompson hat sich heute auf BBC Online zu dieser unsäglichen Geschichte ebenfalls geäussert und kommentiert trocken:

Social networking scare stories are becoming increasingly popular, perhaps because the internet remains strange and mysterious despite its popularity [...]

Quelle u.a.: pte

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» Drucken 16.04.2009 21:40

LD on 17.04.2009 09:26

Vielleicht müsste man sich einmal eine Firewall mit Spamfilter für Medien einfallen lassen, der den Müll für den Rundordner herausfiltert. Nur, hoffentlich stumpft der Spamfilter dann nicht ab.

u.e. on 19.04.2009 17:46

Ich denke eher, dass Kenntnisse über die Nutzung von Kommunikationsmitteln, wie Twitter, Facebook, etc. schon bald als wichtige Medienkompetenz gesehen wird. Bestes Beispiel hierfür ist der amtierende US-Präsident Obama, der die Microblogging Plattform Twitter und Facebook für seinen Wahlkampf nutzte. Ein Zukunftszeichen?

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