Wissensarbeit war gestern

Vom Informations- ins Netzwerkzeitalter?
Jason Calcanis hat kürzlich wieder zugeschlagen und eine «offizielle» Definition des (kommenden) Web 3.0 geliefert. Er definiert 3.0 als «qualitativ hochstehende Inhalte und Services, die von begabten Individuuen mithilfe von Web 2.0-Technologien hergestellt werden». Mit dieser, in meinen Augen völlig schwachsinnigen Definition - denn sie ignoriert die Entwicklung hin zu einem semantischen Web völlig - versucht Calcanis, den Kreis wieder zu schliessen und gibt implizit solch adornoesken Kulturpessimisten wie Keen recht.
Bei GigaOM bin ich nun auf einen interessanten Beitrag gestossen, der als Antwort auf Calcanis eine ganz andere These aufstellt: Wichtig sind nicht die Diskussionen eines möglichen Web X.0, sondern der Umstand, dass wir bereits wieder in einer Umbruchphase leben. Laut Anne Zelenka, der Autorin des Beitrags, erleben wir derzeit die Transformation des Informationszeitalters (Information Age) in ein Netzwerkzeitalter (Connected Age). Diese Verschiebung sei sowohl im Verhalten Einzelner wie auch in den Strategien von Technologiefirmen ablesbar.
Wissensarbeiter vs. Netzarbeiter
Das Informationszeitalter war die Zeit der Wissensarbeiter (Knowledge Worker). Wissensarbeiter erstellen und managen Informationen, die sie anderen zur Verfügung stellen. Im neuen Zeitalter der Netzwerke hingegen agiert der Netzarbeiter (Web Worker): Er erstellt und managt Beziehungen zwischen Wissen, Hardware und Menschen. Die folgende Grafik, welche dem noch nicht erschienenen neuen Buch «Connect! Web Worker Daily's Guide to a New Way of Working» von Web Worker Daily entnommen ist, illustriert tabellarisch die Unterschiede:

Natürlich wird in der Praxis weder die eine noch die andere Form alleine vorkommen. Vielmehr werden sich verschiedenste Mischformen der beiden Arbeitsmodelle entwickeln.
Wie bereits erwähnt, bedienen sich nicht nur Einzelpersonen der beiden Herangehensweisen. Auch Unternehmen tun dies. Zelenka unterscheidet zum Beispiel zwischen Microsoft (Informationszeitalter) und Google (Netzwerkzeitalter).

Microsoft repräsentiert wie kein anderes Unternehmen das Informationszeitalter: Die Firma baut jeweils mithilfe eines klassischen Projektmanagements von oben nach unten (top down) statische Insellösungen von Grund auf neu. Microsoft macht also Wissen direkt zu Geld. Dieses Wissen stellt für Microsoft ein Gut dar, welches mit Lizenzen und der Kontrolle des proprietären Codes geschützt werden muss. Andernfalls verliert das Unternehmen die Grundlage seiner Wertschöpfung.
Google hingegen nimmt vieles des kommenden Netzwerkzeitalters voraus. Google benutzt frei verfügbares wissen und frei verfügbare Ressourcen und erntet gewissermassen einen Mehrwert durch die geschickte Verknüpfung derselben. Google macht also nicht das Wissen als solches zu Geld, sondern die menschliche Interaktion im Netz, abgebildet in Webseiten, Links, Inhalt und Metadaten. Für Google stellt also das Wissen nicht unbedingt ein zu schützendes Gut dar, den die Wertschöpfung erfolgt nicht durch die Verwertung desselben, sondern durch die Vernetzung. Innovationen entstehen bei Google denn auch nicht zentral gesteuert, sondern in vielen kleinen Einheiten, oftmals nach dem Prinzip Trial and Error.
Das Ende der Konzerne?
Bei beiden genannten Beispielen handelt es sich um riesige, international tätige Organisationen - also um Konzerne. Wenn wir mit Ronald Coase davon ausgehen, dass Konzerne entstehen, um für die Beteiligten die Transaktionskosten zu senken, dann dürfte sich im Netzwerkzeitalter der Trend hin zu lose miteinander verbundenen Kleinorganisationen und unabhängigen Freelancern noch verstärken. Die fortschreitende Vernetzung durch das Internet lässt nämlich eben jene Transaktionskosten gegen Null tendieren.
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Drucken | 09.10.2007 14:29
Reto on 09.10.2007 21:21
Uff, und wo bleiben dann die Anwender des Wissens? Information und deren Vernetzung ist ja gut und recht, aber schlussendlich leben wir nicht von Bits und Bytes.
gis on 12.10.2007 13:00
@Reto:
Völlig richtig - nur das ist ein anderes Thema. Denn die "Anwender des Wissens" wird es immer geben. Geht ja gar nicht anders.


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