Web 2.0 = Kollektivismus?

Es gibt zwei prononcierte Kritiker des Web 2.0, die behaupten, das «Mitmachnetz» sei nichts anderes als eine digitale Wiedergeburt des Kollektivismus. Der eine, Jaron Lanier, ist Pionier der virtuellen Realität und kommt aus den USA. Der andere stammt aus England, heisst Andrew Keen und ist einer der gescheiterten Unternehmer der Dot-Com-Blase (Audiocafe.com).

Der konservative Kulturkritiker...

Andrew Keen

Für Keen ist das Web 2.0 eine utopische Bewegung, die wie der Kommunismus von Marx die Massen verführt: «Just as Marx seduced a generation of European idealists with his fantasy of self-realization in a communist utopia, so the Web 2.0 cult of creative self-realization has seduced everyone in Silicon Valley.» Er schlägt in seinem neuen Buch «The Cult of the Amateur: How Today's Internet is Killing our Culture» sehr kulturkritische Töne an; der «kreative Amateur» sei der Tod aller Kultur und aller intellektuellen Eliten.

... und der besorgte Individualist

Jaron Lanier

Etwas anders argumentiert dagegen Lanier. Für ihn sind Crowdsourcing-Ansätze wie zum Beispiel die Wikipedia mit ihrem Hohelied auf die «Schwarm-Intelligenz» Brutstätten eines neuen Online-Kollektivismus, der ähnlich wie die totalitären Theorien am linken oder rechten Rand eine Gefahr für die Demokratie darstellt und das Individuum zur vernachlässigbaren Grösse degradiert: «And that [Wikipedia; d. Verf.] is part of the larger pattern of the appeal of a new online collectivism that is nothing less than a resurgence of the idea that the collective is all-wise, that it is desirable to have influence concentrated in a bottleneck that can channel the collective with the most verity and force.» Lanier nennt das - in Anlehnung an die Kulturrevolution - digitalen Maoismus.

Kritik und Würdigung

Die Kritik, die beide äussern, ist nicht neu. Laniers Essay «Digital Maoism» erschien vor ziemlich genau einem Jahr, Keens Kolumne im «Weekly Standard», die für einiges Aufsehen sorgte, sogar schon im Februar des letzten Jahres. Man mag von beiden halten, was man will, ein Blick über den eigenen Gartenzaun kann nicht schaden.

Keen ist meiner Meinung nach ein konservativer Kulturkritiker, wie es sie immer wieder gegeben hat und geben wird (vgl. dazu auch diese Buch-Rezension). Mehr Sympathie hingegen hege ich für Lanier, der durchaus auf einige offene Fragen hinweist und damit einen wertvollen Beitrag zum Diskurs über den Individualismus leistet.

Weiterführende Links

Bildquellen: Wikimedia Commons (Lanier), globeandmail.com (Keen)

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» Drucken 08.06.2007 11:23

Internet3d.org on 08.06.2007 21:27

"...Brutstätten eines neuen Online-Kollektivismus, der ähnlich wie die totalitären Theorien am linken oder rechten Rand eine Gefahr für die Demokratie darstellt..."

Diese Theorie ist ja lächerlich!

ritchie on 20.07.2007 16:40

Völlig deiner Meinung, was sowohl Keen als auch Lanier betrifft. Und Jaron besitzt jene Art von Humor und Selbstreflexionsvermögen, die klassischerweise den meisten Kulturkonservativen abgeht.

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