Die neuen Herren der Welt?

The Matrix
Finanzmärkte: Gefangen in der Matrix? (stock.xchng)

Der konservative Kritiker des Web 2.0 und Verfasser des Buchs «The Cult of the Amateur» (deutsche Ausgabe), Andrew Keen, gehört nicht unbedingt zu meinen Favoriten. Allerdings lese ich jeweils aus Interesse seine wöchentliche Medien-Kolumne im englischen «Independent». In einem Blogbeitrag widmet sich Keen nun aus technologischer Sicht der aktuellen Krise der Finanzmärkte und nimmt dabei Bezug auf einen Artikel in der «New York Times» von gestern. Darin beschreibt der Autor Richard Dooling («Rapture for the Geeks: When AI Outsmarts IQ»), wie die Krise anders als zum Beispiel Ende der 1980er-Jahre nicht mehr von Menschen gemacht, sondern die «Schuld» des automatisierten Handels ist.

In seiner 1987 erschienenen Satire «Fegefeuer der Eitelkeiten» beschreibt Tom Wolfe das New York der achtziger Jahre. Tragischer Held der Geschichte ist der Investmentbanker Sherman McCoy (gewissermassen ein literarische Alter Ego von Gordon Gekko), der so genannte Master of the Universe, der schliesslich die Blase zum Platzen bringt. Diese Rolle des Masters of the Universe nehmen laut Dooling heute Computer ein:

As the current financial crisis spreads (like a computer virus) on the earth's nervous system (the Internet), it's worth asking if we have somehow managed to colossally outsmart ourselves using computers. After all, the Wall Street titans loved swaps and derivatives because they were totally unregulated by humans. That left nobody but the machines in charge. [...] We are living, we have long been told, in the Information Age. Yet now we are faced with the sickening suspicion that technology has run ahead of us. Man is a fire-stealing animal, and we can’t help building machines and machine intelligences, even if, from time to time, we use them not only to outsmart ourselves but to bring us right up to the doorstep of Doom.

Dooling spielt damit auf die Tatsache an, dass ein Grossteil des Handels heute dank ausgeklügelten Algorithmen vollautomatisiert ohne menschliches Zutun binnen Sekundenbruchteilen über die Bühne geht. So werden zum Beispiel der Informationsdienst Thomson Financial in den USA inzwischen Bilanzmeldungen von Unternehmen nicht mehr von Journalisten, sondern von Computern schreiben. Keen meint - nicht ohne Grundlage - dazu, dass «we've caught up to a future where technology is always a little bit ahead of us and the artificial algorithm is determining human history.» Für einmal muss ich Keen recht geben.

Quellen: nyt, independent

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» Drucken 15.10.2008 12:23

LD on 16.10.2008 02:06

Das nennt sich "Algorithmic Trading" und bildet die Vollkommnung des automatisierten Kapitalismus. Google findet eine ganze Menge von Treffern dazu.

Thommen on 16.10.2008 15:18

Ich warne davor, dem Computer einen eigenen Status zu verleihen, wie sehr viele Bürgerliche es mit "dem Staat" auch machen. Beides ist das Produkt/Programm von Menschen. So wie programmiert, so kommts heraus... Damit verzichtet man/frau praktischerweise auf die Kritik der Programme/der Politik. :)

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