Blockwart O'Reilly

(stock.xchng)
Tim O'Reilly, vermeintlicher Vater des «Web 2.0», hat kürzlich einen «Blogger's Code of Conduct» vorgeschlagen. Nachdem das Postings bereits in der US-Blogosphäre auch grosses Echo gestossen ist (Techmeme), wurde das Thema gestern von der «NY Times» aufgegriffen und so in die MSM befördert. In der eher behäbigeren deutschsprachigen Szene wird das Thema laut Rivva (noch) nicht ausführlich diskutiert.
«Motiviert durch ehrverletzende Übergriffe in einzelnen US-Blogs, sollen die Verhaltensregeln nicht Zensur zum Ziel haben, sondern eine gemeinschaftliche Selbstverpflichtung.» (Blogpiloten) Aber O'Reilly - mit an Bord sind auch Jimmy Wales (Wikipedia) und einige prominente Blogger aus den USA - betätigt sich damit nur als Blockwart der Blogosphäre. Jeff Jarvis von der BuzzMachine sagt deutlich, dass «O'Reilly only set us up to be called nasty, unmannered, and thus uncivilized hooligans. Except for Tim, of course. He's the nice one.» Der Übervater lässt grüssen.
Ein Medium für Medien?
Aber dabei bleibt es nicht. Jarvis kritisiert zurecht, dass O'Reilly mit seinem Ansatz das eigene Kind Web 2.0 nicht mehr versteht. «They treat it as a medium for media.» Das Web 2.0 ist mehr als ein Medium, es ist ein Treffpunkt und Marktplatz, in den man - nicht unähnlich einem Haus - gewissermassen einzieht und seine eigene Hausordnung aufstellt. Wer sich daneben benimmt, kann kritisiert werden und in extremo auch belangt werden. Schliesslich gelten dieselben Gesetze wie im RL. Die virtuelle Welt funktioniert gleich wie die echte. «Why should this new world work any differently? Why should it operate with more controls and more controllers?» Für die MSM wie die Times ist die Chose natürlich ein dankbares Thema.
Wer sich so aufführt, spielt nur jenen in die Hände, denen die freie, unzensierte Meinungsäusserung im Netz sowieso ein Dorn im Auge ist. Zum Glück ist Jarvis nicht der einzige Kritiker. Michael Arrington (CrunchNotes), Robert Scoble (Scobleizer), Dave Winer (Scripting) und viele andere äussern sich ähnlich kritisch. Jarvis gibt in seinem Posting einen guten Überblick über die Reaktionen.
Deutsch, bitte
Und in der deutschsprachigen Sphäre? Die Blogpiloten verweisen nur auf den Times-Artikel und auf ein Posting bei Spreeblick, das schon im Sommer 2005 fragte, ob es «Zeit für eine Blog-Etiquette» sei. Blogschrott fragt, ob das wirklich nötig sei. Für Martin Kunzelnick ist es nichts weiter als eine neu aufgelegte Netiquette. Wie immer werde ich den Verdacht nicht los, die grosse Mehrheit der deutschen Blogosphäre hat sich freiwillig in die Political-Correctness-Sippenhaft begeben.
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Drucken | 10.04.2007 12:44
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