Verlagsgeschäft bedroht durch Web 2.0

Passend zu meinem letzten Beitrag, in dem ich Doc Searls zehn Strategien zur Rettung der Zeitung(-sverlage) vorstelle, hat die Frankfurter Medienconsulter-Bude TIMElabs eine Studie veröffentlicht: «Grid Media - Überlebensstrategien für Publisher im digitalen Zeitalter». Die Studie ist nur gegen Bezahlung erhältlich, weshalb ich mich hier auf die Berichterstattung des «Internet World Business»-Magazins stütze:

Verlage, die ihre Leser nicht in den Erstellungs-, Einordnungs- und Bewertungsprozess digitaler Angebote einbinden, verlieren nicht nur an Attraktivität, sondern perspektivisch auch an Reichweite und Relevanz in der Community. Viele Verlage hätten, so die Studie, die Wirkungsmechanismen und Zusammenhänge des Web 2.0 nicht richtig verstanden und einen eher fahrlässigen Blick auf das Geschehen entwickelt. Die neuen Softwarelösungen für die Erstellung (Wikis, Foto-/Video-Plattformen, Blogs, Podcasts und andere), Einordnung (Tagging, Geo Tagging usw.) und Bewertung von Inhalten machen es immer einfacher, den grössten Teil der redaktioneller Aufgaben auf der Anwenderebene abzubilden.

Online-Werbemarktanteile
Online-Werbemarktanteile (TIMElab)

TIMElabs zufolge fehlinterpretieren viele Verlage Blogs und ähnliches als einen Raum, den sie selber inszenieren (z.B. durch angestellte Blogger), kontrollieren (bis hin zur Zensur) und/oder steuern (z.B. durch redaktionelle Auswahl) können. Das ist aber genau das Gegenteil dessen, was die Nutzer erwarten und von Web 2.0-Anwendungen gewohnt sind. Die Studie empfiehlt den Verlagen, für den anstehenden Paradigmenwechsel hin zur «Customer Integration» ihre Prozesse zu überdenken. An die Stelle des gewohnten linearen Publizierens tritt eine zunehmende Interaktion, in der Redaktion und Nutzer Inhalte bidirektional erarbeiten.

+++ Kommentar

Ich habe diesen Beitrag der «Internet World Business» gerade erst wieder aus meiner To Do-Liste bei del.icio.us hervorgeholt. Die Meldung erschien bereits am 23. März. Gelesen habe ich sie erst jetzt - und hatte ein Déjà-Vu. Nicht nur, dass ich heute Morgen im eingangs erwähnten Beitrag mehr oder weniger dasselbe in Grün zusammengefasst habe. Im PDF-Prospekt zur Studie kann man nämlich die folgenden «7 Thesen zur digitalen Medienwelt» lesen:

1. Konvergenzthese
Die Digitalisierung wird die heute noch getrennt agierenden Medienbranchen in einem konvergierten, poly-medialen Raum zusammenführen, in dem alle Medienanbieter grundsätzlich in allen Formaten konkurrieren.

2. Integrationsthese
Im Zuge des Web 2.0 entsteht eine neue "Content-Macht", die etablierte Medienhäuser dazu zwingt, User in ihre redaktionelle Wertschöpfung zu integrieren.

3. Technologiekompetenzthese
In den künftigen Medienmärkten wird technologisches Know how zur strategischen Kernkompetenz - auch für Publisher.

4. 1:1-These
Die Modularisierung von Inhalten sowie die Ablösung der Inhalte von spezifischen Ausgabemedien führt zur Individualisierung des gesamten Medien- und Werbekonsums.

5. A3-These
Die A3-Anforderungen (anything, anywhere, anytime) des mobilen Rezipienten modellieren die Medienleistung im Tagesverlauf nach wechselnden Kriterien und zwingen den Publisher zu einer hinreichenden Dynamisierung seiner Angebote.

6. Return-on-Advertising-These
Die vollkommene Transparenz aller Konvertierungsraten entlang des Marketing- und Sales-Prozesses ermöglicht in den digitalen Medien eine punktgenaue Kalkulation der Werbeeffizienz sowie eine Performace-abhängige Abrechnung. Werbeträgermedien, deren Angebotsformen dies nicht reflektieren, werden sukzessive aus dem Markt verdrängt.

7. Selbstverständnisthese
Mit der Digitalisierung muss ein vollständig verändertes Selbstverständnis der handelnden Medien-Akteure einhergehen, das im Ergebnis zu einer neuen medialen Wertschöpfung in und zwischen den Marktbeteiligten führen wird.

Etwas mehr branchenspezifisches Neusprech als bei Doc Searls - aber ansonsten alles wie gehabt.

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| Artikel drucken Drucken | 26.03.2007 17:40

Tobias Kowatsch on 10.07.2007 14:31

Hier findet sich ein passendes Web-Experiment zum Thema Folksonomy bzw. Social Tagging Systeme im Web 2.0.

Viele Grüße
Tobias Kowatsch

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