Verlag 3.0 - ein Leben jenseits des iPad

Massenmedien sind gut im Hochjazzen. Sich selbst übertroffen haben sie sich jüngst anlässlich des Starts des iPads - nicht ohne Hintergedanken. Viele Vertreter der Printmedien sehen im iPad ein "Universalgenie" (Andreas Wiele, Vorstand von Springer), ja geradezu den "Messias" (Springer-Chef Döpfner) für ihre ganze Branche. Und da jede gute Religion auch einen Widersacher braucht, stellen sie Google als das absolut Böse hin, das alleine Schuld ist am Untergang der Printmedien. Besonders die Buchverlage lassen sich von dieser Mär blenden - Google könnte nämlich ihr bester Verbündeter werden. Nicht Apple oder Amazon.
Google, der grosse, alles verschlingende Leviathan (im mythischen, nicht Hobbes'schen Sinn), dessen unersättlichen Scanner sich Buch um Buch um Buch einverleiben, um es der Allgemeinheit - igitt, der Pöbel! - kostenlos - das geht ja wohl gar nicht! - zur Verfügung zu stellen. Ungefähr so stellen sich hiesige Verlagsmanager, Autoren, Buchhändler und Journalisten das Geschäftsmodell vor und bekämpfen diesen vermeintlich grössten Feind mit allen Mitteln. Aber vorsicht, Google könnte plötzlich zum besten, wenn nicht sogar einzigen und letzten Alliierten werden: Google wird Mitte des Jahres einen E-Book-Store namens Google Editions eröffnen. Dieser wird, anders als die von Amazon und Apple, Nutzern mit unterschiedlichsten Geräten offen stehen. Zudem will Google die Verleger selber die Preise festlegen lassen und ein Agenturmodell akzeptieren. Doch am wichtigsten für die Verlage ist, dass Google weniger abschöpfen wird als zum Beispiel Apple, das rund 30 Prozent nimmt. Interessant aus Sicht des Kunden wird Google Editions vor allem wegen dem Angebot sein: inklusive rechtefreier Bücher hat Google bereits zwölf Millionen Titel digitalisiert - ein wesentlich umfangreicheres Angebot als bei der Konkurrenz. Der Haken daran: ohne ein Durchwinken des Book Settlements wird all das ohne die hiesigen Verlage stattfinden.
Ein falscher Messias namens iPad
Und wie steht es um jene Verlage, die "tagesaktuell" Nachrichten in Form von Druckerschwärze auf tote Bäume drucken? Profitieren wenigstens sie vom iPad? Nein. Punkt. Warum? Das iPad ist nur eine weitere Plattform, das Problem geht tiefer. Jeff Jarvis hat treffend erkannt, dass "achrichten Informationen sind, und Informationen werden zur Massenware, zum Allgemeingut, sobald sie bekannt sind." Da hilft weder eine neue Plattform noch die derzeit grosse Hoffnung Paid Content, die alten Geschäftsmodelle zu retten.
Neben diese Entwertung trat zudem auch eine Fragmentierung. Früher gab es textbasierte Nachrichten immer nur als Ganzes - die Zeitung eben. Seither sind viele Plattformen und Kanäle hinzugekommen, über die nicht mehr das ganze Paket, sondern die einzelne Nachricht verbreitet werden: Webseiten, RSS-Feeds, Google News, Social Media und so weiter. Die Zusammenstellung der Nachrichten erfolgt also nicht mehr durch die Verlage, sondern entweder durch andere Anbieter wie Suchmaschinen oder direkt beim Endkunden. Daran wird auch Apple nichts mehr ändern.
Ein Store sie alle zu knechten
Neue Plattformen alleine bringen es also nicht. Aber da gibt es ja noch iTunes, eine zentrale Vertriebsplattform. Wie steht es darum? Ein wahres Danergeschenk. Nicht nur, dass bereits die Nutzer von Apple-Geräten exklusiv an den Store gebunden sind, auch die Verlger liefern sich so auf Gedeih und Verderb dem Willen Apples aus. Was irgendwie nicht passt, wird entweder gar nicht zugelassen oder wieder entfernt. Dafür muss man dann auch noch 30 Prozent der Einnahmen abdrücken. Die Situation bei Amazon ist da auch nicht besser.
Do or Die Trying
Doch genug der Schwarzmalerei, hier mein ganz persönlicher Dreipunkteplan, wie es trotzdem funktionieren könnte:
1. Erfindet die Formate Zeitung, Zeitschrift und Buch für die mobilen Endgeräte neu.
2. Besinnt euch auf eure Stärken und reichert diesen euren Content mit dem Mehrwert an, den ihr zu bieten habt: Exklusivität, Regionalität und/oder Nische (fachspezifisches Wissen).
3. Setzt auf offene Standards - oder deckt zumindest mehr als nur eine Plattform ab.
Leisten können sich das nur zwei Typen von Verlagen: die ganz Grossen (Reichweite, Skaleneffekt) und die ganz kleinen Spezialisten. Für den grossen Rest wird es ungemütlich.
Jeff Jarvis hat sein iPad jedenfalls schon retourniert:
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Drucken | 21.04.2010 15:31
LD on 28.04.2010 14:05
Als scharfer Kritiker von Google in Sachen Datenschutz muss ich den Suchriesen ausnahmsweise in Schutz nehmen. Google die Schuld am Niedergang der Holzmedien anzulasten, zeugt von Ignoranz und Wahrnehmungsstörungen. Jeff Jarvis bringt es wirklich kurz und bündig auf den Punkt, denn erst recht im Internetzeitalter gibt es kein Recht auf geistiges Eigentum an Informationen zum Weltgeschehen. Wo kämen wir hin, wenn wir so etwa zulassen würden? Und genau da ist Google einmal ausnahmsweise wirklich "not evil" und erweist sich als Verteidiger der Informationsfreiheit und Wegbereiter für das Ende des Meinungsmonopols der Mainstream-Medien, wenn auch dies nicht ganz uneigennützig erfolgt.
Dein Dreipunkteplan ist ein richtiger Ansatz, den Paradigmawechsel, den das Web eingläutet hat, konsequent umzusetzen. Push-Strategien passen nunmal nicht zu einem Pull-Medium und Pull heisst, für die Konsumenten/Leser attraktiv zu sein anstatt sie bevormunden zu wollen.


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