Gatekeeper, MSM und das Web 3.0

In der «taz» von heute 13. März findet sich ein Interview mit Katharina Borchert (a.k.a. Lyssa) und Stefan Niggemeier (Bildblog) zu neuen und alten Medien, die Zukunft der Massenkommunikation und die Mission der Blogger. Interessant fand ich den folgenden Ausschnitt, der zweierlei aufzeigt: (1) dass viele Vertreter der MSM die zeichen der Zeit immer noch nicht ganz begriffen haben und (2) dass es auch sogenannten A-Blogger nicht besser ergeht.

«Bernd Kundrun, der Vorstandvorsitzende von Gruner + Jahr, spricht bereits vom Web 3.0 - einem Web, in dem das unüberschaubare Angebot aus der Version 2.0 durch Gatekeeper stark strukturiert ist.

Niggemeier: Ich glaube eher, dass die Leute lernen, sich nicht auf Gatekeeper zu verlassen, sondern sich ihre Medien selbst zusammenbasteln: ihren Lieblingskolumnisten aus der Zeitung zusammen mit ihrem Lieblingsblogger. Gatekeeper sind vor allem wichtig für Leute, die nicht mit dem Internet aufwachsen und sich an der alten Ordnung orientieren. Die zählen darauf, dass es von den klassischen Gatekeepern, wie es bislang die Zeitungen oder Fernsehsender sind, Pendants im Internet geben wird.

Borchert: Die meisten der Medienmarken, die es jetzt gibt, werden meiner Meinung nach in zehn Jahren nicht verschwunden sein. Je höher die Medienkompetenz der Leute ist - und die steigt unaufhörlich -, desto mehr werden die Marken aber an Relevanz verlieren. Ich schätze, dass Glaubwürdigkeit von Inhalten dann vor allem an einzelnen Personen und Autoren festgemacht wird.

Niggemeier: Als Gefahr bei der Individualisierung von Medien sehe ich allerdings, dass die Gemeinsamkeit verloren geht. Dass wir alle in derselben Welt leben, fast alle um acht Uhr die "Tagesschau" sehen und eine ähnliche Vorstellung davon haben, was in der Welt geschieht. Da habe ich doch Angst davor, dass das verloren geht. Schon jetzt merke ich, dass ich, seit ich so viel im Internet unterwegs bin, Freunde habe, mit denen es plötzlich wenig gemeinsame Gesprächsthemen gibt, weil sie sich in ganz anderen Welten bewegen. Das wird sich noch verstärken.

Borchert: Gemeinschaftserlebnisse, wie es früher noch "Wetten, dass ..." war, wird es bald nur noch alle vier Jahre geben - nämlich die Fußball-WM. Der Rest wird unter den Tisch fallen. Wobei die Trennung nicht hauptsächlich zwischen Wirklichkeit und Blogosphäre verläuft. Wenn ich mich nur in Strickblogs rumtreibe, dann besteht meine Welt auch nur aus Strickblogs - da findet die Fragmentalisierung auch innerhalb der Blogs selber statt.»

Die angesprochene Angst vor der «Individualisierung von Medien» ist doch in Tat und Wahrheit bei beiden, den MSM und den «A-Bloggern», dei Angst davor, nicht mehr wahrgenommen zu werden - die Angst vor Relevanzverlust also. Man könnte ja nicht mehr von der «taz» interviewt werden... Frau Borchert drückt das so aus:

«Das Problem ist doch aber, dass die Leute letztlich doch faul sind und dazu tendieren, nur das zu lesen und wahrzunehmen, was eh schon ihrer Überzeugung entspricht.»

Adorno lässt grüssen, oder: Früher war alles besser. Nur weil etwas offiziell abgesegnet und mit schwarzer Tinte auf toten Bäumen steht, ist es nicht gleich «besser» oder gar «hochwertiger» - und zwingend Journalismus schon gar nicht.

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| Artikel drucken Drucken | 13.03.2007 08:32

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