Die Kannibalen von Zürich

Steckt mehr hinter der Kooperation als nur die Gratiszeitung?
Seit gestern ist es offiziell: Noch in diesem Jahr soll in den Städten Bern, Basel und Zürich frühmorgens eine weitere Gratiszeitung in Boxen ausliegen. Hinter dem Projekt, das angeblich keine Reaktion auf das von Wigdorovits angekündigte «.ch» ist, stehen die drei Verlagshäuser tamedia aus Zürich, Espace Media aus Bern (von der tamedia übernommen) und Basler Zeitung aus Basel. Die neue Pendlerzeitung soll auf relevante News, im Vergleich zur Konkurrenz längere Texte und einen geringeren Bildanteil setzen. Man will so auf der Stärke der drei beteiligten Tageszeitungen - «Tages-Anzeiger», «Berner Zeitung» und «Basler Zeitung» - aufbauen. Die Zeitung wird sich durch ein klassisches, dezentes Design auszeichnen und im Tabloid-Format erscheinen.
Interessant ist, dass die Initiative von der tamedia ausgeht, die doch mit «20 Minuten» bereits den sehr erfolgreichen Platzhirsch unter den Gratiszeitungen herausgibt. Auf Anfrage liess das Verlagshaus lapidar ausrichten, man sehe «durchaus Potenzial für ein weiteres Gratisblatt». Martin Hitz vom Blog Medienspiegel kommentiert dies treffend:
«Nach der Kannibalisierung des «Tages-Anzeigers» durch «20 Minuten» wird der Kannibale nun aus dem eigenen Hause gleich selbst kannibalisiert. Allmählich wird's absurd!»
Die neue Zeitung sei «nicht in erster Linie» eine Reaktion auf das «.ch»-Projekt des PR-Mannes Wigdorovits, sagt Matthias Hagemann, Verleger der «Basler Zeitung». Vielmehr gehe man in die Offensive wegen der Schwierigkeiten, die die Tageszeitungen heute aus demographischen Gründen sowie am Werbemarkt haben.
Wigdorovits zeigt sich nicht beunruhigt
Sacha Wigdorovits seinerseits zeigt sich ob der neuen Pendlerblatt-Konkurrenz unbeeindruckt: «Das betrifft uns gar nicht. Wir wussten ja schon länger, dass da was in Planung ist. Wir haben das im Verwaltungsrat diskutiert und sind zum Schluss gekommen, dass es für uns nicht relevant ist, denn wir haben ein völlig anderes Businessmodell. Erstens machen wir eine Qualitätszeitung, zweitens verteilen wir 70 Prozent der Auflage per Hauszustellung.» Er erachtet es auch nicht als Nachteil, dass die anderen Gratiszeitungen im Gegensatz zum «.ch» grosse Verlage im Rücken haben - so sei man schneller und innovativer.
Steckt mehr dahinter?
Die drei an der neuen Gratiszeitung beteiligten Zeitungsverlage betreiben bereits gemeinsam den Inserateverbund «Metropool», in welchen das neue Blatt auch integriert wird. Da drängt sich doch der Verdacht auf, man produziert schnell mal ein weiteres Gefäss für den Verkauf der Werbung. Aber noch wichtiger ist meines Erachtens der Umstand, dass die drei Partner an einem gemeinsamen Online-Newsnetzwerk arbeiten, welches mit einer eigenständigen Redaktion in der Schweiz eine führende Position erreichen soll. Kann es sein, dass das neue Pendlerblatt da nur zur Spielwiese und zum Experimentierfeld wird, um den Online-Markt aufzumischen? Ist also alles nur Teil einer grossen Online-Strategie der tamedia mit ihren zugewandten Orten? Bekanntlich sind bislang ja die Schweizer Medienhäuser online nicht gerade die innovativsten. Wir werden sehen.
Quellen: persoenlich, klein report, werbewoche
» Drucken 16.08.2007 13:36
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