Die Crux der Medienlogik
Seit einiger Zeit sammle ich Artikel und Blogposts zum Thema Computerspiele, deren Erforschung und Nutzen sowie zur so genannten Killerspiele-Diskussion. Ich möchte daraus eine kleine Serie von Beiträgen erstellen, die sich auch mit der (medienwissenschaftlichen) Erforschung medialer Gewaltdarstellungen befasst. Es ist dies ein Thema, dass mich schon seit meinem Studium immer wieder interessiert und über das ich hier auch schon kurz etwas geschrieben habe. Heute nun fand ich auf der Medienseite der NZZ die Rezension einer Studie, die die Landesmedienanstalt Rheinland-Pfalz in Auftrag gegeben hat. Darin wird untersucht, ob die öffentliche Debatte über die Wirkung von Gewaltdarstellungen in Fernsehen und Film auch wirklich die wissenschaftliche Debatte widerspiegelt. Mit einem für mich nicht ganz so verblüffenden Resultat.
Die Autoren Hans-Bernd Brosius und Katja Schwer vom Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität München klärten, ob eine der Forschungsdisziplinen Kommunikationswissenschaft, Medienpsychologie und Medienpädagogik in der öffentlichen Diskussion die Deutungshoheit erlangt hat und warum je nach Disziplin die Gewaltdarstellungen in der Öffentlichkeit einmal mehr und einmal weniger schädlich beurteilt werden. Sie untersuchten dies anhand einer qualitativen Inhaltsanalyse deutscher und amerikanischer Forschung empirisch.
Deutliche Unterschiede zwischen den USA und Deutschland
Während in den USA seit den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts in breit angelegten, interdisziplinären Projekten von renommierten Wissenschaftern geforscht wird, gibt es laut den Autoren in Deutschland «zwar einen deutlichen Mainstream», der die mehrheitlich negative Beurteilung in den USA teilt. Zwischen den einzelnen Disziplinen herrscht jedoch ein Streit, der gerade auch in den Medien ausgetragen wird.
Die Studie kommt zum Schluss, dass dieser Streit von vielen Wissenschaftern vor allem dazu missbraucht wird, «sich Ressourcen und Reputation zu sichern.» Die teilweise sehr aggressiv ausgetragene Diskussion ist letztlich eine Plattform, die «ausschliesslich der Profilierung Einzelner» dient.
Die Medienlogik bestimmt die öffentliche Wahrnehmung
Die Medienlogik besagt, dass mediale Gewaltdarstellungen in der Regel nur nach einem Ereignis journalistisch aufgegriffen werden. Dann kommen viele so genannte Experten zu Wort, bei denen es sich laut der Studie selten um jene Wissenschafter handelt, «die in ihren Fachdisziplinen die höchste Reputation besitzen.»:
Vom Laienpublikum würden am ehesten die Argumente akzeptiert, die am stärksten polarisieren. [...] Deshalb kämen in der Öffentlichkeit immer diejenigen zu Wort, die sich auf die Medienlogik einliessen und klare Aussagen machten.
Ein Befund, der sich meiner Meinung nach auf sehr viele mediale Diskussionen übertragen lässt. Statt einem aktiven Agenda Setting verlegen sich die Massenmedien - die angesichts des Konkurrenzdrucks vielschichtige Boulevardisierungstendenzen aufweisen - darauf, nur noch dem Volk «auf's Maul zu schauen». Entsprechend schlachten sie, ihrer Logik folgend, einzelne Ereignisse mehrheitstauglich aus: Kampfhunde, Raserproblematik, Abzockerdiskussion. Die Liste liesse sich beliebig fortsetzen. Vor diesem Hintergrund gewinnt Elisabeth Noelle-Neumanns Theorie der Schweigespirale aus den 1970er-Jahren wieder vermehrt an Bedeutung. Ihrer wiederum ganz eigenen Logik folgend, springt die Politik dann jeweils ebenfalls auf diese Themen auf und meint, zum Wohle des Volkes (also der vermeintlichen Mehrheitsmeinung) handeln zu müssen - mit entsprechend gearteten Resultaten. Aber das gehört nun nicht mehr hierhin.
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Drucken | 05.12.2008 11:12
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