Blauäugiger Optimismus?

Die Zeitungsbranche blickt betont optimistisch in die Zukunft. (stock.xchng)
Die Auflagen sinken und die Verkaufszahlen sind rückläufig. Immer mehr Leser wandern ins Internet ab und Gratiszeitungen beginnen den Markt zu dominieren. Trotzdem blickt die Zeitungsbranche betont optimistisch in die Zukunft: 85 Prozent der leitenden Zeitungsredakteure blicken ausgesprochen hoffungsfroh nach vorne. Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls eine aktuelle internationale Umfrage des Marktforschungsinstituts Zogby International. Gleichzeitig gehen immer mehr Branchenvertreter davon aus, dass künftig sowohl Print- als auch Online-Nachrichten nur noch gratis zur Verfügung stehen werden (56 Prozent der Befragten). Wenig überraschend erwarten die meisten zudem, dass sich das Internet in den nächsten zehn Jahren zur führenden News-Quelle entwickeln wird.
Sehr positiv blicken weltweit 31 Prozent der Zeitungsmacher in die Zukunft, 54 Prozent geben sich zumindest etwas optimistisch. Die Zogby-Studie zeigt allerdings auch ein Ungleichgewicht zwischen den Zielen der Verbände, den Investitionswünschen der Chefredaktoren und dem Geld, das von den Eigentümern zur Verfügung gestellt wird. Deutlich wird darüber hinaus, dass die Zeitungschefs zunehmend darauf bedacht sind, die Qualität ihrer Inhalte sicherzustellen. 35 Prozent würden als erstes darin investieren, Journalisten im Umgang mit neuen Medien besser auszubilden, wenn ihnen die nötigen Mittel dafür zur Verfügung gestellt würden.
Obwohl die Mehrheit davon ausgeht, dass die Zukunft in Gratisangeboten liegt, pocht man vor allem in Westeuropa noch stark auf Qualitätsinhalte und deren Bezahlung. 48 Prozent aus dieser Region sind der Ansicht, dass Online und Print zwar immer mehr kostenlos verfügbar sein werden, Qualität aber auch einen finanziellen Wert haben sollte.
Für die Studie wurden 704 leitende Angestellte aus der Zeitungsbranche weltweit befragt.
Quellen: zogby, pte
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Drucken | 09.05.2008 09:23
LD on 09.05.2008 10:52
Dass sich das Internet in den nächsten zehn Jahren zur führenden News-Quelle entwickeln wird, ist unbestritten, denn in manchen Bereichen ist es heute schon der Fall. Print ist deswegen aber noch lange nicht tot, sondern verändert sich entsprechend. Online als vollwertiges Substitut für Print anzusehen wäre allerdings falsch, denn dafür sind die beiden Medien zu verschieden.
Die Chance der Printmedien liegt darin, dass hier die Texte länger sein können als bei Online und dadurch erst detaillierte Hintergrundberichterstattung möglich ist. In welchen Bereichen dafür allerdings eine genügend grosse Nachfrage besteht, um wirtschaftlich sein zu können (schliesslich arbeitet kaum jemand gratis), wird der Markt entscheiden. Die Bezahlung von Printmedien am Kiosk ist einfach und seit vielen Jahrzehnten etabliert. Hingegen hat sich Micropayment im Onlinebereich nicht durchgesetzt und wird es wahrscheinlich auch nie richtig. Print hat gegenüber Online die besseren Karten, sich für journalistische Arbeit bezahlen zu lassen. Für Online bleiben nur die durch Werbung oder sonstwie finanzierten Kurzmeldungen - dafür allerdings nahezu in Echtzeit.
Ich schätze, die werbefinanzierten Gratisangebote werden langfristig zu einer (neuen) "Zweiklassengesellschaft" sowohl im Print- als auch im Online-Bereich führen. Daher glaube ich nicht, dass die Zukunft nur in Gratisangeboten liegt.
gis on 09.05.2008 12:57
Ich denke auch, dass die Zukunft von Print vermehrt in der Hintergrundberichterstattung liegt - also eher im Magazin-/Wochenzeitungsformat. Tageszeitungen werden mittelfristig einen grossen Teil des Marktes behalten, dann wird es aber bergab gehen. Zumindest bei Bezahlformaten.
Micropayment wird sich m.E. nie durchsetzen, weshalb ich der Meinung bin, die Archive gehören geöffnet. Zeitnahe (schreckliches Wort, nicht?) kurze News werden sich spätestens dann primär im Netz abspielen.
LD on 09.05.2008 15:21
Die Landschaft der Tageszeitungen wird sicherlich in naher Zukunft ausgedünnt. Ich gehe jedoch davon aus, dass es auch weiterhin einen wenn auch wesentlich geschrumpften Markt für mindestens eine grosse Tageszeitung für die "Oberklasse" der Leserschaft geben wird. Allerdings sehe ich dann die Meinungsvielfalt etwas in Gefahr. Gerade deshalb würde auch ich die Online-Öffnung aller Zeitungs-Archive sehr begrüssen.
Einer der schon recht früh begriffen hat, wie der Online- den Printbereich verändert und sich beide gegenseitig beeinflussen, ist Jeff Jarvis. Wirklich sehr erfrischend dieser weisshaarige Mann!
"Zeitnah" würde ich sogar als Unwort einstufen. Es tönt ebenso schräg wie das englische "neartime" (als Kurzform von "nearly realtime").
gis on 09.05.2008 16:09
Ja, Jeff Jarvis rockt - um es einmal salopp zu sagen. Gutes Posting, übrigens.
Unwörter sind zu vermeiden ;)
Thinkabout on 13.05.2008 10:39
Interessant hierzu auch das Interview mit Michael Ringier in der MZ: Er lässt die Prognosen eher sein und hält sich nach allen Seiten offen.
Internet - Verbreitung in Windeseile ohne physische Grenzen - wird es da am Ende nicht (auch) eine beherrschende Nachrichtenagentur geben, wenn der Kampf um Glaubwürdigkeit entschieden ist - bzw. die Verbreitung in Technik und Koordination.
Noch habe ich kein Gefühl dafür, ob das Internet nicht auch eine Spielwiese werden wird, bei der sich die Globalisierung darin erschöpft, dass in EINEM grossen Markt sich am Ende ganz wenige Gewinner etablieren werden...
gis on 13.05.2008 13:01
@Thinkabout:
Michael Ringier tanzt derzeit den Interview-Tanz. Auch in der FAZ:
Interview mit M. Ringier
Aber zurück zum Thema: Ich bin nicht der Meinung, dass sich EIN Markt mit wenigen Playern entwickeln wird. Alleine schon die starke, immer weiter fortschreitende Segmentierung der Zielgruppen wird das unmöglich machen. Und es werden immer wieder kleine Firmen mit einem Produkt ganz gross rauskommen und den Markt aufrollen - so wie Microsoft oder Google zuvor.
Dazu auch Peter Rothenbühler (gefunden in den Mediadaten des Punkt Magazins):
"Wir sind in einem Zeit- nicht in einem Papiermarkt. Der wichtigste Faktor ist das Zeitbudget des Lesers, und nicht die Überzeugung der Journalisten."
Malte Landwehr on 29.05.2008 13:46
Aber wem gehören die Websites und die Gratiszeitschriften, die den etablierten Blättern die Leser wegnehmen? Meistens den großen Verlagen selbst. Wenn man sich mal die Alexa Top 100 für Deutschland anschaut wird man dort einige Portale traditioneller Verlagshäuser wiederfinden (allen voran natürlich Holtzbrink).


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