Schweiz: Journalismus und PR

Stayin' Alive
(Micropersuasion)

Das Institut für Angewandte Medienwissenschaft (IAM) der Zürcher Hochschule Winterthur hat in Zusammenarbeit mit Farner PR in einer Online-Umfrage untersucht, wie Journalisten die Qualität der Medienarbeit von Schweizer Unternehmen und Verwaltungen beurteilen. Die Befragten vertraten dabei die Meinung, dass ihre Arbeit durch den Einbezug von Medienstellen zwar fairer und vollständiger werde, nicht aber informativer oder origineller. Mehr als 90 Prozent der Befragten jedoch bezeichneten Medienstellen für ihre journalistische Arbeit als «sehr wichtig» oder «wichtig».

Laut der Studie möchten die Medienschaffenden mehr Kontakt mit höheren Funktionsträgern in einer Organisation. Auffallend sind hier die Unterschiede nach Sprachregionen. So wünschen Journalisten aus der lateinischen Schweiz stärker als ihre Kollegen aus der Deutschschweiz den Kontakt zu Kommunikationsspezialisten (Pressesprecher, Leiter Investor Relations, PR-Agentur). Deutschschweizer dagegen suchen vermehrte Kontakte mit VR-Präsidenten, Firmenchefs und Fachexperten. Offenbar pflegen also die welschen Vertreter der schreibenden Zunft ein unverkrampfteres Verhältnis zur PR als ihre deutschweizer Kollegen.

Akzeptanz der Medienarbeit

Medienmitteilungen von Unternehmen und Organisationen werden von den Befragten vor allem dann nicht verwendet, wenn das Thema nach Meinung der Journalisten uninteressant (98.2 Prozent) und werberisch (83 Prozent) ist oder die Mitteilung zu wenige Fakten enthält (82.1 Prozent). Was die Studie auch zeigt: Journalisten schätzen Informationsformen, in denen sie eine aktive Rolle spielen können (ein Umstand, auf den bereits Prof. Blum vom ikmb der Uni Bern in einer Studie hingewiesen hat; leider habe ich gerade die Quelle nicht zur Hand), wie Interviews (94.6 Prozent) oder persönliche Gespräche (94.6 Prozent). Weniger beliebt sind dagegen laut IAM-Studie diejenigen Formate, die stärker von Medienstellen geprägt sind wie Fachartikel (27.9 Prozent), Pressereisen (27 Prozent) oder - weit abgeschlagen - Corporate Blogs (13.5 Prozent).

Dilbert_Corporate Blogging

Dass die Journalisten Corporate Blogs nicht mögen, verwundert mich zumindest nicht. Ein grosser Anteil der Berufsschreiber hat ja bekanntlich vom Bloggen keinen grossen Schimmer. Wie Karsten Füllhaas auf seinem Blog zudem feststellt, deckt sich dieses Resultat der Studie auch mit jenem der «Media Studie 2007» von news aktuell: 52 Prozent der befragten Medienschaffenden gaben an, Blogs nicht als journalistische Quelle zu benutzen.

Selbstbild der Branche

Was ich hingegen nicht glauben kann (auch aus persönlicher Erfahrung), ist die realtive Unbeliebtheit von Pressereisen. Eine Schutzbehauptung? Derselben Meinung sind auch Vinzenz Wyss und Guido Keel vom IAM. Gegenüber Pressetext liessen sie verlauten, «dass die erhobenen Ergebnisse 'nicht immer nur die praktisch gelebte Beziehung zwischen Journalisten und PR-Leuten darstellen'. Die Antworten würden ebenfalls das Rollenselbstbild der Medienschaffenden widerspiegeln. [...] Um ihr Selbstbild als 'unabhängige' und 'manipulationsresistente' Journalisten nicht zu gefährden, dürfen die Medienschaffende keine zu hohe Meinung haben von der 'Gegenseite'.» Ja, ja, die «Dunkle Seite der Macht».

Befragt wurden insgesamt 451 Wirtschafts- und Politik-Journalisten in allen Sprachregionen der Schweiz. An der Online-Umfrage haben schliesslich 135 teilgenommen.

Quellen: pte, farner (Medienmitteilung im PDF-Format)

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| Artikel drucken Drucken | 31.08.2007 11:13

anaximander on 31.08.2007 12:38

Was die "Unbeliebtheit" gesponserter Reisen anbelangt, so hör ich wohl die Worte, allein mir fehlt der Glaube. Meine Erfahrung ist eine ganz andere: Journalisten geraten geradezu in Verzückung, wenn ein Pharma-Konzern eine PR-Reise veranstaltet. Da kann man es sich nämlich gut gehen lassen und braucht sich nicht anzustrengen. Alles, was man sich wünscht, wird einem vorgesetzt... Sogar die fertigen Recherchen zum Artikel, den man nach Abschluss der Reise schreiben muss

gis on 31.08.2007 13:10

In der Tat, hier spielt sicherlich die Differenz zwischen Selbst- und Fremdbild eine grosse Rolle...

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