Objektiv langweilt

Der Erfolg von Blogs und Bürgerjournalismus in manchen Ländern lässt sich nicht einfach nur mit einer fehlenden Medienvielfalt oder einer aktiven Zensurbehörde erklären. Vielmehr bin ich der Meinung, dass sich in einer Zeit, in der die Beliebigkeit einer angeblich objektiven Berichterstattung vorherrscht, die Medienkonsumenten immer mehr von dieser Version der Konstruktion von Wirklichkeit abwenden. Die Menschen suchen vermehrt wieder einen parteiischen, subjektiven Journalismus, der sich entweder entlang ihrer Präferenzlinien bewegt oder ihnen sogar eine Orientierung vorgibt. Dies bietet ihnen unter anderem die Blogosphäre. So sieht es offenbar auch die britische Regulierungsbehörde Ofcom: Sie fordert die Lockerung bestehender Objektivitätsregelungen für TV-Nachrichten.
Grund dafür ist offenbar der zunehmende Seherschwund bei jungen Leuten und Vertretern ethnischer Minderheiten. Diese Gruppen seien laut aktueller Studien häufig von den News-Sendungen gelangweilt oder fühlen sich davon nicht angesprochen, argumentiert die Ofcom. Daher sollte es zumindest für kleinere und für Nischensender möglich werden, Nachrichtenformate anders und unabhängiger von den bestehenden Richtlinien zu präsentieren. Die Medienbehörde schlägt vor, eigenwilligere Berichte und mehr politisierte Nachrichtenkanäle einzuführen. Die Ofcom ist also der Meinung, eine Lockerung der bestehenden Regelungen würde zu einer breiteren Meinungsvielfalt führen und helfen, Seher zurückzugewinnen, die sich derzeit von der Homogenität der Nachrichten abgestossen fühlen.
Eine Reaktion auf die Neuen Medien
Laut Ofcom wird es immer schwieriger, die Objektivitätsrichtlinien durchzusetzen, während gleichzeitig immer mehr den Richtlinien nicht unterworfene Videoinhalte im Internet verbreitet werden, die für die Nutzern denselben Informationswert wie TV-Nachrichten besitzen. Mittlerweile sagen rund 50 Prozent der Jugendlichen in Grossbritannien, dass sie TV-News nur noch dann konsumieren, wenn etwas sehr wichtiges passiert sei. Im Durchschnitt schauen sich die jungen Zuseher nur noch knapp 40 Stunden Nachrichtenprogramm innerhalb eines ganzen Jahres im Fernsehen an.
Trotz der Forderung nach einer Aufweichung der bestehenden Regelungen weist die Ofcom aber auch darauf hin, dass Objektivität besonders für öffentlich-rechtliche Sender wie die BBC weiterhin oberstes Gebot bleiben müsse. Doch gerade diese TV-Stationen haben mit dem Seherschwund zu kämpfen und befinden sich unter immer grösserem wirtschaftlichem Druck - obwohl gerade heute die «NZZ» berichtet, die BBC habe 2006 111 Mio. Pfund Gewinn gemacht. Erst kürzlich zeigten Untersuchungen der Ofcom, dass besonders die ethnischen Minderheiten in Grossbritannien Kabelfernsehen bevorzugen und sich weniger als die Restbevölkerung von den öffentlich-rechtlichen Sendern angesprochen fühlen.
Regulierungsbehörden und Medienvielfalt
Die Forderung der Ofcom mag erstaunen, viele werden sie wohl auch ablehnen. Zu letzteren werden sicherlich vor allem jene gehören, die es sich kuschelig eingerichtet haben im öffentlich-rechtlichen Biotop. Ihre Version der Wirklichkeit wird damit noch weiter an Bedeutung verlieren. Ich bin der Meinung, es ist ein mutiger Schritt einer staatlichen Regulierungsbehörde. Eine Lockerung ermöglicht vielleicht etwas mehr Wettbewerb - ein Wettbewerb der Werte und Weltbilder. Dies führt schliesslich zu einer grösseren Medienvielfalt.
Bislang nämlich verhinderte der Staat mit seiner Kontrolle der Verbreitungskanäle (Radio- und TV-Frequenzen zum Beispiel) effektiv die freie Verbreitung von Inhalten. Alleine der Erwerb einer Lizenz oder Konzession stellte eine so grosse Markteintrittshürde dar, dass viele potentielle Marktteilnehmer gar nicht erst zum Zuge kamen. Heute ist das zum Glück anders: Ein Computer mit Internetzugang und ein paar Programme, die oft sogar kostenlos erhältlich sind, reichen völlig aus, um ein Publikum zu erreichen.
Quelle: pte
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Drucken | 06.07.2007 10:47
wolkenkratzer on 07.07.2007 13:08
Die Medienrevolution durch das Internet hat gerade erst begonnen. Bisher wurden ja meist nur bekannte Formate ins Internet übertragen. Textblogs waren nur der Anfang. Man kann nur hoffen, dass die etablierten Medien diese Entwicklungen verschlafen, damit die Vielfalt frei entwickelt wird.
gis on 09.07.2007 09:37
Ich wage zu behaupten: Sie werden es verschlafen. Die meisten jedenfalls.






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