Da kauft sich also ein Immobilien-Tycoon sein eigenes kleines Medienimperium und hat dabei von Googlen und Surfen keine Ahnung. Er gehört zu der leider nie kleiner werdenden Sorte Mensch, die es einfach nicht lernen wollen. Aber es gibt ja auch noch die andere, kleine Gruppe jener, die es doch noch lernen. Einer davon ist Peter Sennhauser, Journalist und seit 2004 freier Korrespondent in San Francisco (unter anderem für «CASH»).
Auf seinem Blog berichtete er gestern darüber, wie er über eine Recherche in der «Schweizer Mediendatenbank smd» darauf gestossen ist, dass das Westschweizer Wirtschaftsmagazin «Bilan» einen seiner Beiträge für «CASH» ohne Namensnennung im Text übersetzt und veröffentlicht hat. Zwar fühlt sich Sennhauser «geehrt, beklaut und nicht ganz ernst genommen», aber immerhin zeigt er sich lernbereit:
«Ich halte nicht allzuviel vom Copyright. Ich bin mir als Journalist gewohnt, kurzlebige Werke zu produzieren, die mit dem Honorar des Auftraggebers abgegolten sind - auch wenn das den Aufwand nicht immer entschädigt. Nach der Veröffentlichung ist meine Arbeit schon fast Gemeingut, im Internet publizierte Artikel tauchen an jeder Ecke des Cyberspace auf, kopiert von Kids, die nichts von Copyright wissen (wollen). Damit haben wir Journalisten zu leben.»
Wenn Sennhauser den Verlegern, «die ständig über Preisdruck klagen», vorwirft, sie «glauben, sich ihren Content demnächst kostenlos von den "Bürgerjournalisten" liefern lassen zu können», dann missversteht er den Bürgerjournalismus genauso wie die an den Pranger gestellten Verleger. Ökonomisch vereinfacht ausgedrückt ist Bürgerjournalismus nichts anderes als Direktvertrieb der Ware Information unter Umgehung des Zwischenhandels. Das kann, muss aber nicht kostenlos geschehen.
» Drucken 11.04.2007. 11:21
Peter Sennhauser on 11.04.2007. 13:58
Na na, Michael. Ich halte Journalisten nicht für Künstler, aber einfach nur Zwischenhändler sind wir auch nicht, jedenfalls nicht alle. Wir beherrschen ein Handwerk, das zum Beispiel daraus besteht, Informationen in (einen) Kontext zu stellen, schnell die Leute zu finden, die dazu etwas zu sagen haben oder ganz einfach eine Geschichte mit einem Anfang, einem Mittelteil und einem Ende zu erzählen.
Es ist nicht auszuschliessen, dass viele Nicht-Journalisten all diese Handgriffe auch beherrschen lernen, und viele Blogger beweisen es. Aber ebensowenig, wie eine gute Kamera einen guten Fotografen macht, wird aus einem Augenzeugen ein Journalist.
Ich für mein Teil habe immer weniger Lust, den zusammenhanglosen Info-Müll zu konsumieren, der mir zumindest hier in den USA von den sogenannten "etablierten Medien" vorgesetzt wird: Über den Irakkrieg lerne ich viel mehr aus einer zehnseitigen Hintergrundrecherche im "New Yorker" als aus den Schnipseln, die von allen Seiten als "exklusive Live-Berichte" auf mich hereinstürzen.
Häufig strapazierte Zitatanpassung: «Erst wenn der Letzte Redaktor durch einen Contentmanager, der letzte Fotoreporter durch eine Mailbox für Handy-Bilder und der letzte Korrespondent durch Schreibkurse für Touristen ersetzt worden ist, werdet ihr merken, dass Information nicht nur die Ansammlung von Fakten ist.» (Medienlese)
gis on 11.04.2007. 16:28
Ja, der "Media Bias" ist ja mit ein Grund, warum in den USA das Angebot an alternativen Medien um einiges grösser ist als im (deutschsprachigen) Europa - und das nicht erst seit "Web 2.0".
Wir beide wissen, dass noch nie ein neues ein bestehendes Medium vollständig verdrängt hat. Journalisten wird es weiterhin geben, genauso wie MSM, die als Gatekeeper fungieren. Ich glaube einfach, dass das Qualitätsbashing seitens der MSM und ihren Handlangern (lies: Journalisten) nichts weiter ist als ein Rückzugsgefecht, das mit allen Mitteln (vergeblich) geführt wird. Dabei verstehen die wenigsten, was Bürgerjournalismus ist und wollen nur sehen, was er nicht ist: Verschwommene MMS-Bildchen von Knut und Urlaubsvideos mit Bildern von Terroropfern.
Bürgerjournalismus ist Journalismus von den Leuten für die Leute, meist entlang gemeinsamer Präferenzlinien. Früher, viel früher waren das die MSM auch. Aber die Zeit ist schon lange vorbei. Darum suchen und finden die Leute ihre Informationen halt anderswo.
Peter Sennhauser on 12.04.2007. 00:56
Entweder ich hab einen Knoten in der Leitung, oder aber Du hast einen: In dem Augenblick, in welchem "Bürgerjournalismus" die Qualitätsansprüche jenseits verschwommener Bildchen und gestammelter Augenzeugenberichte durchbricht, ist er in meinen Augen Profi-Journalismus: Denn Information sachgerecht aufzubereiten, kostet sehr viel Zeit - und genau deshalb Geld. Ob ein "Bürger" eine Woche an einem Thema arbeitet oder ein "Profi" ändert nichts daran, dass er auch in dieser Woche von irgendwas leben muss.
Die wichtigsten Blogger der USA mögen mal "Bürger" gewesen sein, heute verdienen sie alle ihr Geld mit bloggen und sind somit Profis.
Was sich ändert ist lediglich die Plattform. Mir ist völlig wurscht, ob meine Arbeit auf Papier gedruckt, im Internet publiziert oder von einem Roboter am Telefon vorgelesen wird: Der Aufwand, die Inhalte zu erstellen, bleibt der gleiche, und dafür will ich bezahlt werden. Mich deswegen als Handlanger der (Druckerei-) Verleger zu bezeichnen, ist etwas gar unreflektiert. Ob ich von einem Verlag, durch die Werbung auf meiner Webseite oder von meinen Lesern direkt bezahlt werde, ist mir ebenso einerlei.
Auch als Konsument kümmert es mich nicht im Geringsten, wo meine Quellen publizieren - mich interessiert nur die Qualität. Und das allerwenigste von dem, was ich konsumieren will, stammt von freiwilligen Autoren, die es sich leisten können, für Gotteslohn zu arbeiten.
Aus dieser Warte muss mir mal jemand erklären, was "Bürgerjournalismus" denn noch vom "Profi-Journalismus" trennt, falls wir nicht von den Handybildchen vom Autounfall sprechen. Wenn jemand glaubt, es sei die Bezahlung: Bitte hier weiterlesen (oder in der neusten Ausgabe des GDI-IMPULS auf Deutsch).
gis on 13.04.2007. 09:14
Nein, aber offenbar verstehen wir nicht dasselbe unter "Bürgerjournalismus". Für Dich ist offenbar der BJ primär eine Methode der Verleger, um billig an "NewS" zu kommen und die eigenen Journalisten/Freelancer zu umgehen. Ich für meinen Teil verstehe unter BJ die Möglichkeit, unter Umgehung der Gatekeeper (zu denen auch Du zählst) gewissermassen eine "Gegenöffentlichkeit" herzustellen. Vielleicht ist es für jemanden, der mit Schreiben seinen Lebensunterhalt verdient, schwierig, zu verstehen, dass es auch Menschen gibt, die aus purer Freude, purem Enthusiasmus schreiben. Es ist schön für Dich, wenn das meiste von dem, was Du konsumieren möchtest, aus der Feder professioneller (lies: Berufs-) Schreiber stammt. Vermutlich ist das die vielzitierte Deformation professionelle. Oder vielleicht liegt es einfach nur daran, dass Deine Präferenzen schlicht und einfach so mainstream sind, dass Du in den MSM Deine Bedürfnisse befriedigen kannst.
"Was [also] "Bürgerjournalismus" denn noch vom "Profi-Journalismus" trennt, falls wir nicht von den Handybildchen vom Autounfall sprechen", ist der Umstand, dass ersterer i.d.R. von Leuten geschrieben wird, die nicht schreiben, um ihr Geld damit zu verdienen. Journalisten (und PR-Menschen) schreiben selten aus Überzeugung, manchmal mit Herzblut aber immer für Geld. Und am allerliebsten über ihresgleichen - schliesslich hat persoenlich.com auch noch Dein Posting entdeckt. Womit sich der Kreis zum Mainstream wieder schliesst.
Peter Sennhauser on 13.04.2007. 11:07
Tut mir leid, aber ich kann nicht folgen.
- In meinem original-Posting werfe ich DEN VERLEGERN vor, den Bürgerjournlismus als billige Quelle anzusehen. Ich teile diese Ansicht nicht, aber das hast Du wohl (gewollt) überlesen.
- Es ist nicht im Geringsten schwierig, zu verstehen, dass es Menschen gibt, die aus Freude schreiben: Ich gehöre dazu und habe diesen Beruf genau deswegen gewählt. Ich schreibe häufig aus purer Passion - beispielsweise in anderer Leute Blogs.
- Das selbe gilt für die meisten Journalisten, die ich kenne. Dass Du sie samt und sonders als Lohn- oder PR-Schreiber diffamierst, stellt deine Voreingenommenheit unter Beweis.
- Es ist eigentlich ebenso einfach zu verstehen, dass aus den meisten passionierten Bürgerjournalisten sehr schnell bezahlte Profis werden. Denn grade dank den neuen technischen Möglichkeiten bieten sich ihnen heute sehr schnell Gelegenheiten, ihre Passion zum Beruf oder wenigstens zum Nebenerwerb zu machen (sehe ich da Google-Ads auf Deiner Website?). Für Dich scheinen sie damit die Gefielde des Bürgerjournalismus zu verlassen und ins Reich des Bösen überzutreten.
Ich kann mich des Eindrucks nicht mehr erwehren, dass es Dir nicht um eine Diskussion über die Zukunft der Informationswelt zu gehen scheint, sondern darum, Dein Feindbild zu bashen.
Ich wünsche Dir weiterhin viel Erfolg Spass dabei.
Kommentar schreiben