
Journalisten in der Blogosphäre: passive «Schleicher» (stock.xchng)
Rund 75 Prozent der Journalisten holen sich Ideen für Artikel auf Blogs. Zu diesem Schluss kommt eine Online-Befragung bei 177 zufällig ausgewählten Journalisten und Redaktoren (für meine geschätzte deutsche Leserschaft: Redakteuren; Redaktor ist ein gebräuchlicher Helvetismus) in den USA, welche die Marktforscher von Brodeur (Medienmitteilung, PDF) durchgeführt haben. Die Befragten gaben zudem Auskunft über ihre Lesegewohnheiten von Blogs und anderen sozialen Medien.
Journalisten scheinen in den USA regelmässige Leser von Blogs zu sein: Etwas mehr als die Hälfte (57 Prozent) gab an, mindesten zwei- bis dreimal pro Woche Blogs zu lesen und 70 Prozent meinten, sie hätten eine Liste von Blogs, die sie regelmässig lesen. Über welchen Kanal - auf der Seite, Feed oder andere - wurde leider nicht abgefragt. Bei fast einem Viertel (21 Prozent) gehören soziale Medien offenbar bereits zur täglichen Recherche. Soviele gaben nämlich an, mindestens eine Stunde pro Tag mit dem Lesen von Blogs zu verbringen.
Interessant fand ich die Tatsache, dass sich 48 Prozent der befragten Journalisten selbst als sogenannte lurker - «Schleicher», so werden im Web passive Nutzer von Angeboten genannt - bezeichnen. Sie lesen also regelmässig Blogs und holen sich dort ihre Ideen, beteiligen sich aber kaum aktiv an Diskussionen in Kommentaren, auf Foren und ähnlichen Seiten. Dazu passt, dass nur 16 Prozent über ein eigenes Profil in einem Social Network verfügen. Bis zu einem gewissen Grad ist diese Zurückhaltung nachvollziehbar, Journalisten legen nicht gerne ihr Beziehungsnetz offen - auch zum Schutz ihrer Quellen. Dieses Verhalten hinterlässt zumindest bei mir jedoch einen schalen Nachgeschmack. Es hat etwas von einem Trittbrettfahrer. Ein Umstand, den die professionellen Schreiberlinge sonst gerne den vermeintlichen Amateuren aus der Blogosphäre vorwerfen. Allerdings muss man bedenken, dass die Situation in den USA anders gelagert ist als hier. Soziale Medien nehmen dort einen höheren Stellenwert ein.
Wie Jerry Johnson, Head of Strategic Planning, hier schreibt, ist die Befragung Teil eines Forschungsprojekt zu den Auswirkungen von Social Media auf die traditionellen Medien bei Brodeur. Dabei schränkt er den Nutzen von Blogs für Journalisten ein (freie Übersetzung von mir): «Nur wenige Journalisten erachten Blogs als hilfreich bei der Suche nach exklusiven Geschichten oder als Quelle. Aber sie sehen in Blogs ein geeignetes Werkzeug, um Hintergründe zu einer Geschichte besser zu verstehen, neue Blickwinkel kennenzulernen oder überhaupt die Idee für einen Artikel zu finden. Es scheint, Journalisten nutzen Blogs eher für ethnografische denn investigative Recherchen.» Er schliesst mit einer (vorläufigen) Zusammenfassung:
«The blogosphere’s tail is not wagging the media body -- at least not yet.»
Eine kurze Zusammenfassung der Resultate kann man hier als PDF herunterladen.
» Drucken 15.01.2008. 13:36
mobbi on 15.01.2008. 14:45
Aber sicher wird das Internet/Blogs häufig von Unternehmen als Ideen Fundgrube genutzt, aber auch Foren, denke ich.
MfG
"mobbi"
rb on 15.01.2008. 14:55
Auffallend ist, dass Journalisten sich zwar gerne von Blogs "inspirieren" lassen, aber ungerne Blogs als Quelle nennen bzw zitieren. Ein aktuelles Beispiel: Kulturblog.ch
gis on 15.01.2008. 15:33
@rb:
Als Leser des Kulturblogs kenne ich die Story natürlich (s. auch Kommentar auf FACTS 2.0).
@mobbi (OT):
Kann es sein, dass Sie mich mal auf Xing als Kontakt angefragt hatten? Als ich es bestätigen wollte, war die Anfrage nicht mehr da...
Liliana on 15.01.2008. 17:38
Oh, sowas haben wir gestern auch gelesen im Wii Nachrichtenkanal ... Krieg ich das noch zusammen? Es gibt wohl ein englischsprachiges Äquivalent zur Netzeitung und dort hat ein Blogger ein Gerücht geschrieben (war glaub über dem Herrn Sarkozy seine Freundin/Frau - die sei schwanger) und einige Journalisten haben das als wahr übernommen und die online Zeitung als Quelle angegeben. Nochmal schnell gegoogelt - bei zdf und spiegel steht's auch: heute.de
gis on 15.01.2008. 17:56
@Liliana:
Danke für den Hinweis! Dieses "Boulevard"-Thema war bislang an mir vorbeigegangen...
Vermutlich waren da (wieder) Journalisten am Werk, die nicht zwischen einem Blog gehosted bei 20min.fr und der Zeitung selber unterscheiden können.
Die 20min.fr ist übrigens eine Gratiszeitung, auf deren Homepage man sich seinen Blog hosten lassen kann.
norman on 21.01.2008. 10:08
auch bei spiegel.de waren sehr deutliche spuren des gebrauchs von blogquellen zu lesen.
Gerald - hyperkontext on 20.02.2008. 19:02
Manueller Trackback:
Journalisten, Zeitungen und Web 2.0
[...] Es hat etwas von einem Trittbrettfahrer. Ein Umstand, den die professionellen Schreiberlinge sonst gerne den vermeintlichen Amateuren aus der Blogosphäre vorwerfen, konstatiert Michael Gisiger (Wort|ge|fecht) in seinen Erläuterungen zu dieser Umfrage [...]
gis on 22.02.2008. 09:43
Danke für den Trackback auf diesen interessanten Post!
LD on 28.02.2008. 13:19
Vor allem bei einer gewissen Gratis-Tageszeitung hatte ich auch schon mehrmals den Verdacht, dass meine Artikel verwertet wurden, ohne auf diese als Quelle zu verweisen. Wirklich beweisen lässt sich dies allerdings nur schwer. Theoretisch könnte es sich ja auch um eine Häufung von Zufällen handeln.
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