Copycats
Blogger sind böse - sie halten sich nicht an den Pressekodex (D,A,CH). Journalisten hingegen sind gut - sie sind das Gewissen, die Aufrichtigkeit und die Transparenz in einer Person. Wahre Lichtgestalten also. Wirklich?
«"Du wirst ob meines morgigen Textes erstaunt sein, ich habe viele Informationen deinem Text entnommen. Dein Text war so gut," schrieb ein Tagi-Redaktor an einen Kollegen bei der Woz. Am nächsten Tag kam der Artikel, ein Politiker-Porträt tatsächlich. Zwar wurde die Quelle im ersten Abschnitt zitiert, doch "von den restlichen 5000 Zeichen waren 2000 abgeschrieben".» (Gefunden bei presseverein.ch, der Webseite des Zürcher Pressevereins)
Offenbar sind die tamedia-Blätter Meister im Copy&Paste, denn die Gratiszeitung «20 Minuten» kupfert gleich eine ganze Rubrik der «Weltwoche» ab (a.a.O.):
«[20 Minuten] kopierte gleich eine ganze Rubrik, nämlich "Darf man das?", die in der Weltwoche erscheint. "Darf man eigentlich?" heisst sie bei 20 Minuten. Boselli [Chefredaktor Print von 20 Minuten] rechtfertigt die Übernahme mit dem Argument, der Inhalt seines Gefässes sei ein gänzlich anderer. "Während bei der Weltwoche dem Leser Experten oder Journalisten auf die modischen oder sozialen Verhaltenssprünge helfen, ist es bei uns «vox populi», die dem Stilsuchenden beratend zur Seite steht - und zwar über eine Online-Abstimmung zur jeweiligen Frage. In dem Sinn haben wir das Weltwoche-Gefäss also höchstens einem crossmedialen Upgrade unterzogen. Was natürlich immer noch besser ist als schlecht erfunden."»
Wie sagte so schön der deutsche Philosoph Günther Anders, der heute vor 105 Jahren geboren wurde und 1992 verstarb? «Es gibt keine Originale mehr, sondern nur noch Kopien.» Ja - sehr selbstgerechte Kopien, möchte man anfügen.
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Drucken | 12.07.2007 14:44
rafael on 12.07.2007 15:24
Es ist klar, dass Tamedia-Blätter in den letzten Jahren am unteren Ende des Boulevardjournalismus gelandet sind. Beinahe keine Auslandsreporter berichten "unabhängig" und zudem werden vorwiegend Reuters o.ä Texte vermutlich per Feed verwendet. Ebenfalls die immer katastrophalere Orthographie stört mich.
Ich erinnere mich schwach an folgende Geschichte: Eine Journalistin des Magazin traf – während einer Recherche für eine Geschichte über die Confiserie Sprüngli – daselbst auf Roger Köppel. Dieser trinkt dort bekanntlich immer mal wieder Kaffee oder was auch immer. Die Magazin-Journalistin war so unvorsichtig und sprach mit Köppel über ihre Recherche. Und in der nächsten Ausgabe der Weltwoche, die jeweils zwei Tage vor dem Magazin erscheint, konnte man dann eine Geschichte über die Confiserie Sprüngli lesen... Rächen sich die jetzt?


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