Babylonischer Bürgerjournalismus

Pieter Brueghel: Turm zu BayblonWer sich mit der Thematik «Bürgerjournalismus» befasst, stösst früher oder später auf ein beinahe schon babylonisches Wirrwarr von Begriffen. Buzzwords wie zum Beispiel «Citizen Journalism» oder «Pro-Am Journalism» stechen dem geneigten Leser auf vornehmlich englischen Seiten ins Auge. Hilfreich sind diese fast täglich neu über uns hereinbrechenden Modewörter selten - sie werden kaum verstanden. Sind solche Worte einmal in die freie Wildbahn entlassen, wohnt ihnen eine Eigendynamik inne, die die Verwirrung nur noch weiter anwachsen lässt. Auf ihrer Reise durch die (elektronischen) Medien, von Sendern zu Empfängern, verändert sich zuweilen ihre Bedeutung. Ich will hier darum den Versuch einer kleinen Begriffsbestimmung unternehmen und so eine kleine Orientierungshilfe leisten.

Citizen Journalism (Bürgerjournalismus)

Dieser Sammelbegriff lässt sich am einfachsten beschreiben als journalistisches Handeln einer Person, die mit Journalismus nicht ihren Lebensunterhalt bestreitet. Eine einfache Definition für einen nicht ganz so einfachen Überbegriff. Bürgerjournalismus in der einen oder anderen Form sind eben auch alle folgenden Begriffe.

Participatory Journalism (Pro-Am Journalism)

Dies ist die einfachste Form des Bürgerjournalismus, die von den professionellen Medien praktiziert wird. Die Konsumenten werden eingeladen, sich nach der Veröffentlichung eines Beitrags zum Beispiel in Form von Kommentaren zu beteiligen. Diese Beteiligung kann neue Fakten oder Facetten einer Story thematisieren, die dann ihrerseits wiederum in einen neuen Beitrag einfliessen. Profis (Pro) kooperieren also mit Amateuren (Am), um ihre Arbeit weiterzuentwickeln.

Network Journalism

Diese Form des Bürgerjournalismus könnte man auch als kollaborativen Journalismus bezeichnen: Mehrere Individuen kommen auf einer Plattform zusammen, um gemeinsam an einer Story zu arbeiten. Dabei kommen die zwei Prinzipien «Wisdom of Crowds» («Weisheit der Vielen») und «Crowdsourcing» zur Anwendung. Ersteres besagt, dass das Wissen eines Netzwerks grösser ist als die Summe des Einzelwissens der Mitglieder. Crowdsourcing in diesem Zusammenhang meint den Umstand, dass eine Gruppe eine Story effizienter bearbeiten kann als ein einzelner Journalist. Diese Form wird manchmal auch als «Distributed Reporting» bezeichnet.

Open Source Journalism

Hier wird es schwierig, ist doch Open Source ebenfalls ein Sammelbegriff ausserhalb des Journalismus. Wie beim Network Journalism arbeiten auch hier mehrere Individuen kollaborativ zusammen. Allerdings unterscheidet sich die Form der Veröffentlichung. Während die Zusammenarbeit beim Netzwerkjournalismus in der Regel nach der Veröffentlichung endet, beginnt sie hier wieder von Neuem oder geht kontinuierlich weiter. Ganz im Sinne von Open Source ist nämlich der journalistische Prozess mit der Veröffentlichung nicht abgeschlossen. Dabei gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten:

  • Ständige Neuveröffentlichung: Ähnlich wie bei einem Wikipedia-Eintrag liegt der Beitrag nie in einer abgeschlossenen, finalen Version vor; er kann kontinuierlich verändert werden und wird damit gewissermassen ständig neu veröffentlicht.
  • Informationsaustausch: So wie Open Source-Software geistiges Eigentum ablehnt, verweigert der Open Source-Journalismus das Prinzip des Scoops, der exklusiven Story. Indem man die Exklusivität aufgibt und mit anderen teilt, erhalten alle Zugang zu einem grösseren Pool an Informationen, die sich dem Einzelnen nie eröffnet hätten.

Open Source-Journalismus kann per definitionem nicht proprietär sein, sondern muss unter einer Creative Commons-Lizenz oder anderen alternativen Formen des (Nicht-)Urheberrechts veröffentlicht werden - Public Domain, Copyleft etc.

Crowdsourced Journalism

Auch hier haben wir es wiederum mit einem Sammelbegriff zu tun, der ausserhalb des Bürgerjournalismus existiert. Am einfachsten kann man Crowdsourcing so definieren: Freiwillige übernehmen eine Arbeit, die sonst von einem Profi gemacht wird. Als Beispiel kann hier der aktuelle Logo-Wettbewerb von Mister Wong genannt werden.

Weil Crowdsourcing weniger eine Handlung sondern vielmehr ein Organisationsprinzip umschreibt, fällt eine Definition des Crowdsourced Journalism schwer. Vereinfacht gesagt, Crowdsourced Journalism ist nicht etwas, das man tut, sondern an dem man sich beteiligt. So gesehen sind alle oben beschriebenen kollaborativen Formen des Bürgerjournalismus auch Crowdsourced Journalism.

Wie eingangs betont, entstehen nahezu täglich neue Bezeichnungen, so dass es unmöglich ist, diese Thematik abschliessend zu behandeln. Aber ganz im Sinn des Bürgerjournalismus haben hier ja alle Leser die Möglichkeit, sich an diesem Beitrag zu beteiligen.

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| Artikel drucken Drucken | 14.09.2007 10:40

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