Eine leere, weisse Seite

Nichts macht nervöser als eine leere, weisse Seite. Sie lauert heimtückisch auf dem Schreibtisch, die weisse Leere repräsentiert nichts geringeres als Bedeutungslosigkeit. Eine leere Seite ist keine erledigte Aufgabe, ja sie markiert nicht einmal den Beginn einer Arbeit. Eine leere Seite gibt einem nichts zu tun. Eine leere Seite bietet keine Orientierung. Sie ist - nichts. Darum macht sie uns nervös. Wir sind es gewohnt, uns mit vollendeten Produkten zu umgeben. In ihnen suchen wir Trost, finden wir Glück. Unsere Kleidung ist entworfen und genäht, die Musik komponiert und eingespielt, die Zeitung geschrieben und gedruckt. Sogar unser Wissen ist bereits gesammelt und aufbereitet, nur eine Suchanfrage bei Google und Co. steht zwischem ihm und uns.
Fertiggestellte Produkte machen uns glücklich, weil die Benutzung dieser Dinge keine oder nur eine geringe Denkleistung bedingt. Und Kreativität ist erst recht nicht gefragt. Wir sind Konsumenten. Klar, der Konsum fertiger Produkte, der Segen der (post-)industriellen Gesellschaft, ist nicht böse. Aber mit ihm kommt eine Kultur des Anspruchs, dass alles, was wir benötigen, jederzeit sauber portioniert und abgepackt erhältlich ist. Ist dies nicht Stillstand, Stagnation, im Endeffekt das Ende?
Konsumenten vs. Produzenten
Nein, denn jetzt kommt wieder die leere, weisse Seite ins Spiel. Die jungfräuliche Leere schreit geradezu danach, ausgefüllt zu werden. Sie verspottet in ihrer Nacktheit unsere Kreativität, fordert uns heraus. Indem wir unser Wissen, unsere Erfahrung, unsere Gedanken und Vorstellungskraft darauf verwenden, die leere Seite zu füllen, zwingt sie uns, aktiv etwas Neues zu schaffen. Aus den Konsumenten werden Produzenten.
Dass es Individuen gibt, die nur leben können, wenn sie Dinge erschaffen, darauf baut die menschliche Gesellschaft auf. Künstler, Wissenschafter, Unternehmer schaffen ständig Neues - nicht, weil es ihr Hobby ist, sondern weil sie ohne diesen Schaffungsprozess nicht leben können. Ihre Arbeit ist ihr Leben und ihr Leben ist ihre Arbeit.
Und was hat das alles mit den Neuen Medien zu tun, denen ich mich hier hauptsächlich widme? Ganz einfach: Die ganze Welt da draussen ist eine einzige leere, weisse Seite. Social Media, Crowdsourcing, Web 2.0 und all die anderen Buzzwords sind letztlich nicht weiter als das Vehikel, dessen wir uns bedienen können, um uns aus dem ewig gleichen Trott des Konsumentendaseins zu erheben. Sie erinnern uns daran, dass wir Produzenten sind, dass das Leben ohne Schaffen nicht lebenswert ist. Wer liest denn nicht gerne seinen eigenen Namen auf einem Produkt? Eben.
» Drucken 08.09.2007 10:21
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