Codec-Streit und Patente

Im Zusammenhang mit dem <video>-Tag in HTML 5 sind sich die verschiedenen Akteure nicht einig, welcher Video-Codec eingesetzt werden soll. Während Mozilla und Opera den quelloffenen Theora-Codec von Ogg favorisieren, setzen Google und Co. auf den proprietären Codec H.264. Letzterer ist darum problematisch, weil für seine Nutzung Lizenzgebühren fällig werden. Mozilla sprach von fünf Mio. US-$ jährlich pro Browserhersteller. Ursprünglich sollten mämlich nach Beendigung der ersten Lizenzperiode von H.264 ab dem 1. Januar 2011 auch Lizenzkosten für das freie Internet-Streaming von Videoinhalten anfallen.
Nun hat der für den H.264-Patentpool zuständige License Administrator aber angekündigt, dass die Ausnahmeregelung bis zum 31. Dezember 2016 verlängert wird. Für alle anderen Verbreitungsarten wie zum Beispiel En- und Decoder oder kostenpflichtiges Streaming werden an 2011 aber Lizenzkosten fällig.
Den 26 Patentinhabern, unter anderem auch Apple und Microsoft, geht es bei diesem Schritt wohl einzig darum, H.264 als Standard für Bewegtilder im Internet zu etablieren - um nachher mehr kassieren zu können. Mozilla und Opera widersetzen sich diesem Ansinnen, beide Browser unterstützen H.264 nicht. Da grosse Videoportale wie YouTube (Google!) bei ihren HTML 5-Experimenten aber auf H.264 setzen, könnten Nutzer von Firefox oder Opera künftig aussen vor bleiben.
Von Argumenten und Scheinargumenten
Die Mozilla Foundation könnte wohl problemlos die fünf Mio. US-$ Lizenzgebühren aufbringen, betrachten aber das Modell grundsätzlich als wenig sinnvoll und zudem als hinderlich für die Web-Entwicklung, die nach ihrer Meinung auf frei nutz- und distribuierbarer Software beruhen sollte. Die erworbenen H.264-Nutzungsrechte wären nämlich nicht an Mozilla-Partner wie Linux-Distributoren und Programmierer von XUL-Anwendungen übertragbar, so dass diese separat zur Kasse gebeten würden.
Warum überhaupt der proprietäre Codec H.264 zum Einsatz kommt, hat eine längere Vorgeschichte. Als das W3C 2007 den "Editor's Draft" für HTML 5 veröffentlichte, sprachen sich vornehmlich Patentinhaber von H.264 gegen die vorgesehenen offenen Codecs von Ogg (Theora für Video- und Vorbis für Audio-Inhalte) aus. Sie fürchteten "U-Boot-Patentrisiken": Obwohl beide Codecs unter einer BSD-artigen Lizenz vorliegen und ihr Code bereits jahrelang offen liegt, befürchten die grossen Unternehmen, dass trotzdem irgendwann jemand ein Patent ausgräbt und Firmen, die die Codecs einsetzen, mit Patentklagen überzieht. Besonders Nokia bezog hier deutlich Stellung und drohte gar damit, dass W3C nicht mehr weiter zu unterstützen. Die Unternehmen wollen stattdessen lieber selber verdienen.
Die Problematik von Software-Patenten
Es verdichten sich die Hinweise, dass Patente an sich Innovation eher hemmen als fördern. Aber es bestehen gravierende Unterschiede zwischen Softwareentwicklungen und Erfindungen im klassischen Ingenieursbereich: Software ist im Wesentlichen ein nichttechnisches Gut, so wie die dazugehörigen Bedienungsanleitungen auch. Darum wird Software rechtlich auch den "Werken der Literatur" gleichgestellt. Kommt hinzu, dass Innovation im Software-Bereich anders als in anderen Bereichen meist parallel und aufeinander aufbauend geschieht. Patente auf Software sind jedoch meist sehr allgemein gefasst und blockieren so den Zugang zu grundlegenden vorangegangenen Entwicklungen und den Wettbewerb um die besser realisierte Implementierung. Sie verhindern im Endeffekt Innovation.
Die Episode um H.264 zeigt diesen Umstand sehr deutlich. Scott Gilbertson erklärt hier auf Webmonkey, warum die Verlängerung der lizenzkostenfreien Nutzungs des Video-Codecs H.264 nichts an der grundlegenden Problematik geändert hat.
Quellen: heise, patentfrei.de
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Drucken | 09.02.2010 18:33
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