Sokrates 2.0

Die aktuelle Diskussion über das Internet als angeblich «rechtsfreier Raum» macht (wieder einmal) deutlich, dass wir es mit einem deutlichen Medienbruch zu tun haben, der viele - nicht nur die «Internet-Ausdrucker» - überfordert. In der Diskussion wird oft übersehen, dass es vor dem Internet bereits einige solcher Brüche gegeben hat, zum Beispiel die Erfindung des Buchdrucks. Dabei könnte man viel von diesen historischen Umwälzungen lernen, wie der spanische Soziologe Joaquín Rodríguez López in seinem 2008 erschienenen Buch «Edicion 2.0. Socrates en el hiperespacio» festhält. López vergleicht darin den bekannten Dialog zwischen Platon und Sokrates im «Phaidros», in dem es um Sokrates' Sorge angesichts der Ablösung der rein sprachlichen Wissensvermittlung durch die Einführung der Schrift geht, mit den neuen Formen der Wissensvermittlung durch das Internet. Damit untersucht er vor allem die vielgestellte Frage: Macht das Internet doof?
López argumentiert, dass heute wie damals zu Sokrates' Zeiten die drei Hauptpunkte eines jeden ernstzunehmenden Artikels dieselben sind: Gedächtnis, Weitergabe von Wissen und Natur des Wissens. «So wie sich Sokrates gegen den geschriebenen Text sperrte, sperren wir uns gegen das Auftauchen des Cyberspace und seiner massenhaften Verwendung. [...] Doch genau wie Sokrates haben wir nicht genügend Abstand, um die laufende Entwicklung wirklich zu verstehen. Der grosse Philosoph konnte und oder wollte die Überlegenheit der Schrift über das Mündliche nicht erkennen und noch weniger die erheblichen kognitiven Veränderungen voraussehen, die die Erfindung des griechischen Alphabets mit sich brachte; auch uns bleiben nur unser Verdacht und unsere Spekulationen.» Für López ist es schliesslich sehr wahrscheinlich, dass unsere Gehirne heute vor ähnlich fundamentalen Veränderungen stehen wie damals, als die Schrift eingeführt wurde.
López' Buch ist meines Wissens bislang leider nur auf Spanisch erschienen. Meine Ausführungen stützen sich daher auf die vom «Nouvel Obs» auf Französisch veröffentlichten Auszüge und deren Besprechung in der perlentaucher.de-Magazinrundschau von heute.
» Drucken 30.06.2009 15:10
Parcival on 30.06.2009 15:48
Das Radio war schliesslich auch das Ende der Zeitung und das Fernsehen das Ende des Radios.
/sms ;-) on 30.06.2009 23:50
"internet-ausdrucker" - sensationell ;-)
schade hats mit einem treffen in bern nicht geklappt. in einem jahr bin ich wieder 14 tage in deiner nähe! greez!
gis on 07.07.2009 22:09
@sms: Hm, und ich konnte nicht an den Webmonday Zürich kommen ...






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