Musikgenuss ohne Labels

Die Musikindustrie klammert sich seit Jahren an ihre alten Geschäftsmodelle und öffnete sich der Digitalisierung nur schleppend. Das unkontrollierbare Filesharing ist – allen strafbewehrten Werbespots zum Trotz – heute mehr denn je im Netz verbreitet. Diese Tatsache wirft die Frage auf, ob das Internet (endlich) das Ende des Big Business in der Musikbranche bringt?
Bis Anfang der 1990er Jahre waren die Rollen im Musikgeschäft klar verteilt: Die Künstler produzieren, die Industrie vertreibt und der Konsument hat gefälligst den Output zu kaufen. Das Geschäft funktionierte perfekt, Künstler wie Labels verdienten Geld. Wobei allerdings gesagt werden kann, dass die Industrie den Löwenanteil kassierte.
Dieses Geschäftsmodell wurde durch das Internet und MP3, ein Dateiformat zur Audiodatenkompression, massiv gestört. Raubkopien verbreiteten sich dank den immer schneller werdenden Internetanschlüssen wie ein Flächenbrand, was besonders dazu führte, dass gerade das junge Publikum kaum noch zwischen legaler und illegaler Nutzung unterscheiden konnte/wollte. Lobbyarbeit und unerträgliche Versuche, einen Kopierschutz für zahlende Kunden durchzusetzen, waren die Folgen. Genützt hat es rein gar nichts (vgl. dazu auch dieses Essay von Cory Doctorow).
Die Antwort der Künstler: Selbstinszenierung und -vermarktung
Der Trend auf Seiten der Künstler – ausgelöst durch den schleichenden Niedergang der Contentverwertungsindustrie – geht hin zu mehr Selbstinszenierung und Eigenwerbung. Sie vermarkten sich gleich selber im Internet. Wozu braucht es denn ein Label, wenn man die eigenen Songs gleich selbst über Amazon und iTunes verkaufen kann? Die Digitalisierung der Kunst führte schliesslich dazu, dass die Herstellungskosten gegen Null tendieren, während die Herstellung physischer Datenträger nach wie vor mit hohen Kosten verbunden ist. Aber damit nicht genug. Wer schon die eigene Musik selber verkauft, kann ja auch gleich das ganze Drumherum (Konzerte, Merchandising usw. usf.) selber machen. Vielen Musikern dürfte dabei gar nicht bewusst sein, dass sie damit nichts anderes tun, als ihre Vorgänger vor ihnen taten, damals, vor dem Massenmarkt mit Tonträgern.

Virtuos auf allen Kanälen unterwegs
Trent Reznor, Gründer und Frontmann der Nine Inch Nails, ist einer der Künstler, die die Selbstinszenierung und -vermarktung beherrschen. Er machte letztes Jahr gewissermassen einen Feldversuch und veröffentlichte sein neues Album «The Slip» als BitTorrent-Download über Pirate Bay, gab es auf seiner Webseite zum Download frei und informierte seine Fans, um die Reaktionen abzuwarten. Drei Wochen später hatten eine Million Menschen das Album von seiner Webseite heruntergeladen.
Trent Reznor handelte wohl überlegt. Mit seinen ersten Alben hatte sich der Musiker bereits einen Namen gemacht. Nachdem der Vertrag mit Interscope auslief, gründete er sein eigenes Label und nutzt die Vorteile der Creative-Commons-Lizenz, welche private, nicht kommerzielle Nutzung, Bearbeitung und Vervielfältigung der Musikstücke erlaubt.
Trent Reznor steht auf der Gewinnerseite, weil er sich fast ausschliesslich direkt an sein Publikum wendet, das Risiko der digitalen Distribution voll auf sich nimmt, mehr als nur Kostproben seines Schaffens gibt und alle erdenklichen digitalen Kanäle des sozialen Webs nutzt. Wie es scheint, hat Reznor das optimale Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen gefunden und beweist damit Chris Andersons These, dass man durchaus Dinge verschenken kann, um später damit Geld zu verdienen.
Bildquelle: Wikimedia Commons (via Flickr, cc-by-sa-2.0)
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Drucken | 03.08.2009 18:12
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