Gamer: Fakten statt Klischees

Halo 3

Die Universität Hohenheim startet eine fünfjährige, 1.8 Mio. schwere Studie über Computerspieler. Über 1'000 Onlinespieler wollen der Kommunikationswissenschafter Prof. Thorsten Quandt und sein Team im Netz und in der realen Welt beobachten und befragen. Weitere Ergebnisse liefern Interviews mit Experten. Die Studie "The social fabric of virtual life: A longitudinal multi-method study on the social foundations of online gaming (SOFOGA)" will dabei Klischees und Vorurteile der bisherigen, "viel zu eindimensional" (Quandt) geführten öffentliche Debatte eingehend untersuchen.

Möglicherweise wird sich die Gesellschaft in fünf Jahren von einigen Klischees verabschieden müssen. Wenig haltbar sei zum Beispiel das Klischee des isolierten Einzelgängers: "Online-Spiele lassen sich nur in der Gruppe erfolgreich spielen - man ist auf die Interaktion mit realen Menschen angewiesen." Auch die Gewaltdebatte werde oft einseitig geführt, ohne die Vielfältigkeit der Spielergruppen zu beachten. Bei sogenannten Killer-Spielen, wie dem umstrittenen Counter-Strike, würden zum Beispiel Profi-Gamer die blutigen Splatter-Effekte abschalten, um effektiver spielen zu können. "Hier kann man nicht alle Spielergruppen über einen Kamm scheren. Die Motivationen und potenziellen Wirkungen sind teilweise sehr unterschiedlich."

Offenbar ist es so, dass die Wissenschaft bisher - anders als in der Politik oft behauptet - dieses Forschungsgebiet sträflich vernachlässigt hat. Welche Unterschiede es zwischen Männern und Frauen oder verschiedenen Altersgruppen gibt und wie sich reales und virtuelles Leben langfristig gegenseitig beeinflussen - darüber wissen wir im Grunde heute fast gar nichts." Gleichzeitig sei eine solide Faktenbasis notwendiger denn je. "Die Gesellschaftspolitik wird noch von einer Generation bestimmt, die mit der aktuellen Entwicklung wenig anfangen kann", so Prof. Quandt, der mit seinen 38 Jahren zu den jüngsten Professoren der Universität Hohenheim gehört. "Die meisten Entscheider sind nicht mit solchen Medienangeboten aufgewachsen". Ausserdem würden diese häufig mit Studien konfrontiert, die nicht immer über den Verdacht erhaben seien, keine Eigeninteressen zu verfolgen.

Ebenen des Forschungsprojekts
Mehrebenenansatz des Forschungsprojekts (SOFOGA)

Feldstudien im realen und virtuellen Leben

Der Projektstart ist für Januar 2010 festgesetzt. Die eigentliche Feldforschung läuft dann über drei Jahre. In einer Panelstudie befragen die Forscher in strukturierten Interviews zwischen 1'000 und 2'000 Spielern zu Spielgewohnheiten aber auch zu vielen weiteren Aspekten ihres Lebens. Dabei handelt es sich immer um dieselben Personen, um Veränderungen beobachten und auswerten zu können. Die Auswertung läuft bereits parallel zur Forschung und verstärkt in der zweiten Projekthälfte.

"Konkret interessiert uns die Sozialstruktur der Spieler, vom Alter über den Beruf bis zur finanziellen Situation. Dann schauen wir uns ihr komplettes Spielumfeld, bestehend aus realer und virtueller Welt, an. Insgesamt geht es uns um die Interaktion zwischen den Spielern - also den Menschen in der computergenerierten Welt - und nicht um die Interaktion zwischen Mensch und Maschine", erklärt Prof. Quandt. "Anders als bei vielen psychologisch orientierten Studien stehen bei uns nicht aggressive Spiele und Inhalte im Fokus der Studie. Wir gehen hier ohne jede vorbestimmte Erwartung in die Forschung und sind offen für jedes Ergebnis."

Experteninterviews sichern Aktualität

Ergänzt wird die Spieler-Beobachtung durch Experteninterviews. "Wir wollen mit unserer Forschung so nah wie möglich dran sein. Deshalb befragen wir Industrie und Hersteller auch zu künftigen Entwicklungen, damit wir in der schnelllebigen Online-Welt nicht der Realität hinterher laufen."

Weitere Experteninterviews führt das Team um Prof. Quandt mit Politikern und anderen Experten, um die Rahmenbedingungen für die Entwicklungen im Computerspielebereich besser abschätzen zu können.

Der Europäische Forschungsrat (ERC) fördert übrigens im Rahmen seines Exzellenzprogramms diese Studie.

Quellen: uni hohenheim, idw-online.de

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» Drucken 24.11.2009 19:17

Toni on 28.11.2009 00:17

Interessant, ich würde es wirklich befürworten, wenn endlich richtige, wissenschaftlichen Anforderungen genügende Untersuchungen zum Thema unternommen würden.

Leider hat kürzlich auch der Schweizerische Beobachter einen Artikel und einen Kommentar auf Blick-Niveau zum Thema veröffentlicht.

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