Antike mediale Gewalt

Battle Relief on a Roman Sarcophagus

Zugegeben, dieser Titel mag den einen oder anderen Leser überraschen. Aber seit ich auf den Sammelband mit dem Titel «Extreme Formen von Gewalt in Bild und Text des Altertums» (Leseprobe PDF | Rezension PDF) gestossen bin, juckt es mich in den Fingern. Schliesslich bin ich von Haus aus Historiker. Prof. Martin Zimmermann von der Universität München warnt in diesem, von ihm herausgegebenen Sammelband nämlich vor dem Schluss, antike Kulturen seien gewalttätiger gewesen als nachantike. Er weist vor allem mit Blick auf das 20. Jahrhundert darauf hin, dass es «generell gesehen keinen verbindlichen kulturellen Fortschritt im Sinne einer Mässigung» kollektiver Gewaltausübungen gebe. Gerade die mediale Darstellung von Gewalt hat sich kaum gewandelt.

Im antiken Rom wurden beispielsweise bei Triumphzügen Kriegsbilder mit extremer physischer Gewalt gezeigt und auch die Inszenierung von Gewalt im Amphitheater gehört in diesen Kontext. Das Buch zeigt jedoch nicht nur die Darstellungspraxis von Gräueltaten im alten Rom. In elf Texten untersuchen Wissenschaftler unterschiedliche antike Kulturkreise und ihr Verhältnis zur Gewalt. Im Mittelpunkt stehen dabei verschiedene mediale Formen der Überlieferung von Gewaltszenen: Reliefs, Bilder auf Schalen, Amphoren, Urnen, Vasen oder Tonlampen sowie Dichtung und andere Textformen.

Darstellung der eigenen Stärke

Extreme Gewalt ist heute in den Medien so präsent wie früher, so die These des Münchner Historikers. Die Darstellung etwa von Kriegshandlungen erfolge heute jedoch kontrollierter und mechanischer als früher, was auf den Funktionswandel der Medien zurückzuführen sei. «Früher prahlte man mit Gräuelhandlungen der eigenen Soldaten und berichtete penibel, wie viele Tote und Verwundete es gab. Das war eine Chiffre dafür, dass man selbst stark genug war, um sich zu behaupten.» Statt dem Sieg im Blutrausch stehe heute die legitime Selbstverteidigung im Vordergrund der Darstellung. «Zahlen über Verwundete auf eigener Seite lässt man aus dem Spiel, wie auch die Tötung von Menschen so gut wie nie vorkommt. Der Tod wird in Geschütznebel verhüllt und auf TV-Bildern vernimmt man nur donnerbegleitete Lichtblitze in der Dunkelheit.» Dahinter sieht Zimmermann die heutige Vorstellung des «gerechten» Krieges, die in vielen Staaten im 20. und 21. Jahrhundert konstitutiv sei, wenngleich sie kaum der Wirklichkeit entspreche. Auf einschlägigen Internet-Plattformen sei die Weitergabe von Darstellungen mit extremer Gewalt jedoch weiterhin im Laufen.

Retiarius vs. secutor mosaic from Villa Borghese

Gewaltdarstellungen sind oft ein «politisches Mittel»

Aus der Beobachtung der Diskussion im Laufe der Geschichte schliesst Zimmermann, dass bei der Darstellung extremer Gewalt Skepsis stets angebracht sei. «Diese Formen der Darstellung sind keine Informationen, sondern rufen meist gezielt Emotionen hervor und beeinflussen ihre Betrachter. Das wurde im Lauf der Geschichte oft als politisches Mittel verwendet.» Was sich geändert habe, seien einerseits die gesellschaftlichen Übereinkünfte, wo Gewalt beginne, andererseits auch die Medien. «In der Antike waren es vor allem Wandmalereien und Reliefkunst sowie Gemälde, Wandteppiche und Leinwandkunst, wobei letztere Formen verloren gingen. Jedoch auch in der antiken Literatur begegnet uns extreme Gewalt, unter anderem in Homers Illias oder bei Historiografikern wie Cäsar oder Tacitus», so Zimmermann.

Quellen: idw, pte
Bildquellen: Wikimedia Commons

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| Artikel drucken Drucken | 15.09.2009 18:33

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