Nostalgie und Bevormundung
Über die «Magazinrundschau» von Perlentaucher bin ich heute auf einen interessanten Artikel in der amerikanischen Zeitschrift «The New Republic» gestossen. Darin analysiert Paul Starr, Professor für Soziologie und Public Affairs in Princeton, gnadenlos die schlechte Lage der Zeitungen in den USA. Die Analyse, obwohl sehr sachlich und faktenreich niedergeschrieben, zeigt jedoch keine Lösungsvorschläge auf. Im Gegenteil, Starr verrennt sich in einer sehr traditionellen Auffassung der Funktion von Massenmedien und hält damit unverhohlen einem paternalistischen Medienbild die Stange. Offenbar steht für Starr eine «erziehende» Funktion der Medien im Vordergrund. Starr argumentiert, es sei - trotz dem aktuellen Niedergang der Zeitungen - «dies nicht die Zeit für Internettriumphalismus» (alle Übersetzungen von Perlentaucher). Denn statt einer (noch) breiter informierten Öffentlichkeit könnte das Internet auch eine Zweiklassen-Informationsgesellschaft herausbilden, meint Starr.
Er zieht dazu eine auch als Buch veröffentlichte Forschungsarbeit über das Kabelfernsehen in den USA aus dem Jahr 2007 herbei. In seinem Buch «Post-Broadcast Democracy» malt Markus Prior, der zufälligerweise ebenfalls in Princeton als Assistenzprofessor für Politik und Public Affairs lehrt, ein düsteres Bild der nach-terrestrischen TV-Ära:
Wie Prior uns in seinem Buch 'Post-Broadcast Democracy' erinnert, hatten die drei großen Fernsehsender in den frühen Jahrzehnten des Fernsehens bis in die 70er hinein eine praktisch gefangene Zuschauerschaft, weil sie die Abendnachrichten alle zur selben Zeit brachten. Obwohl viele Menschen nach der Arbeit vielleicht lieber ein Unterhaltungsprogramm gesehen hätten, haben sie die Nachrichten mit Walter Cronkite oder Chet Huntley und David Brinkley gesehen und etwas über Politik und Weltereignisse gelernt. Als Kabel- und Satellitenfernsehen entwickelt wurden, konnten die Zuschauer wählen. Laut Prior floh eine große Gruppe, etwa drei von zehn Zuschauern, von den Nachrichten zu Unterhaltungsprogrammen, während eine kleinere Gruppe, vielleicht einer von zehn, anfing, mehr Nachrichten und politische Dieskussionen [sic] zu verfolgen, weil sie jetzt Zugang zu Fox News, CNN und MSNBC hatten. Im Ergebnis, das zeigen Priors Zahlen, führte das zu einer steigenden Ungleichheit in politischem Wissen zwischen den Nachrichten-Drop-outs und den Nachrichten Junkies.
Das Volk zur Information zwingen
Eine doch sehr seltsam anmutende Argumentation mit einer kräftigen Portion Nostalgie. Der Ausbau der Medien- und Informationsfreiheit ist also Schuld daran, dass das Volk gewissermassen «verdummt». Wie immer in solchen Fällen, klingt da im Hintergrund eine zutiefst menschenverachtende Haltung mit: Der einzelne Mensch ist grundsätzlich nicht zu einem eigenverantwortlichen Handeln fähig. Die Wahlfreiheit schadet dem unmündigen Individuum nur. Diese paternalistische Haltung redet einem staatlich gelenkten Informationsmonopol beziehungsweise -oligopol das Wort, das nur eine unkritische Berichterstattung kennt.
Wer so denkt, dem sind die Entwicklungen der letzten Jahre und Jahrzehnte ein grosser Dorn im Auge. Natürlich lassen sich Phänomene wie die Boulevardisierung der (klassischen Massen-) Medien oder eine Informationsüberflutung nicht von der Hand weisen. Wer diese Probleme vom Standpunkt eines bevormundenden Gatekeepers aus angeht, gefährdet jedoch die Medienfreiheit.
Mehr zum Thema Weicher Paternalismus hier in diesem Podcast (mp3, 10.1 MB) der «Library of Economics and Liberty» aus dem Jahr 2006, in dem sich der Harvard-Professor Ed Glaeser klar darüber äussert. Unter anderem spricht er Werbeverbote oder Warnhinweise auf Lebensmitteln an.
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